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Ein Interview mit einer Hochbegabten

 
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Doris Carnap
Moderatorin


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BeitragVerfasst am: 16.06.2006, 12:14    Titel: Ein Interview mit einer Hochbegabten Antworten mit Zitat

im SPIEGEL

http://www.spiegel.de/unispiegel/sc....1518,druck-419798,00.html

Zitat:
Frage: Zählen Sie doch bitte noch ein paar Fehler auf, damit wir die Gewissheit bekommen: Ein Wunderkind ist auch nur ein Mensch.

Stenger: Mir fehlt es an Konsequenz. Es gibt so viele Dinge, die ich machen will und dann doch nicht in die Tat umsetze - Sport zum Beispiel. Außerdem bin ich entsetzlich faul. Bis ich mal in die Gänge komme, das dauert. Ziemlich vergesslich bin ich auch. Wenn ich beispielsweise aus dem Zimmer gehe, um etwas zu holen, fällt mir oft nicht mehr ein, was das für ein Gegenstand war. [...]

Frage: Haben Sie oft das Gefühl der Einsamkeit?

Stenger: So ein 'Keiner versteht mich'-Gefühl habe ich eigentlich immer. Aber ich suhle mich nicht darin, sondern besinne mich darauf, wie schön das Leben ist. Es ist lebenswerter, als es sich manchmal anfühlt. Auch wenn unser Gehirn gerne dagegen steuert, weil es vor allem die negativen Dinge wahrnimmt und speichert.

Frage: Wann fühlt sich das Leben nicht lebenswert an?

Stenger: Während meiner Grundschulzeit, als man meine Hochbegabung noch nicht erkannt hatte. Das Leben machte keinen Spaß, weil ich an nichts mehr Interesse hatte. In der zweiten Klasse fing ich an, mir beliebige Krankheiten wie Bauch-, Bein- und Fingerschmerzen einzubilden, um nicht in die Schule gehen zu müssen. Ich langweilte mich dort schrecklich. Half keine Ausrede, blieb ich vor dem Klassenzimmer stehen und wollte einfach nicht hinein.

Frage: Wie fanden Sie damals heraus, wo Ihr eigentliches Problem lag?

Stenger: Auf Anraten von Freunden und meines Arztes, der meine Krankheiten auch langsam leid war, machte ich einen IQ-Test. Der Psychologe meinte in seinem Gutachten, ich solle möglichst bald eine Klasse überspringen. Plötzlich saß ich in der vierten Klasse. Als ich auf das Gymnasium wechselte, begann der Horror leider erneut. Ich kam am ersten Tag enttäuscht zurück und sagte zu meiner Mutter: "Das habe ich mir aber spannender vorgestellt, da wird ja alles dauernd wiederholt". Nachdem ich in der ersten Matheschulaufgabe noch eine Eins geschrieben hatte, hagelte es bald Vierer, Fünfer und Sechser, auch in anderen Fächern. In der siebten Klasse war meine Versetzung stark gefährdet.

Frage: Und wieder waren Sie drin im Teufelskreis.

Stenger: Wenn mich nicht der Zufall gerettet hätte. Meine Eltern stießen durch einen Zeitungsartikel auf eine Schule in Mecklenburg-Vorpommern. Das private Internatgymnasium Schloss Torgelow bot mir an, meine Schullaufbahn zu verkürzen. Wenn ich in der achten Klasse gute Noten schreiben würde, dürfte ich die neunte überspringen und die zehnte und elfte Klasse auch noch in einem Jahr absolvieren. Diesen Schnellkursus konnte jeder mit einem bestimmten Notendurchschnitt machen. Das forderte mich heraus. Endlich fand ich die Motivation, die ich brauchte.

Frage: Wie motivieren Sie sich heute im Studium? Da gibt es doch sicher auch langweilige Vorlesungen.

Stenger: Klar, langweile ich mich manchmal immer noch. Aber das belastet mich nicht mehr, denn anders als in der Schule habe ich an der Uni mehr Freiheit. Ich kann quasi kommen und gehen wann ich will. Das macht die Sache wieder wett.

Frage: Sind Sie nicht trotzdem ständig unterfordert?

Stenger: Ich muss immer noch was nebenbei machen, dann geht es. Wenn ich zum Beispiel fernsehe, mache ich parallel dazu etwas mit meinen Händen. Fernsehen macht das Gehirn ohnehin träge, es hält die Muskeln nicht am Laufen.

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Marlene Mayer



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BeitragVerfasst am: 16.06.2006, 20:22    Titel: Antworten mit Zitat

Durch den Besuch von Schloss Torgelow, meiner Kenntnis nach, mit monatlichen Kosten nicht unter 2500 Euro zu besuchen, wird natürlich anders gefördert und auf Hochbegabung bzw. auf die damit mehr oder weniger vorhandenen Probleme eingegangen.

Also braucht man entweder reiche Eltern oder man bekommt ein Stipendium, quasi jemand der den Schulbesuch/Internat finanziert.

Welcher Normalverbraucher kommt in so einen Genuss oder kann das aus eigener Tasche finanzieren?

Noch was:
Wenn man bedenkt was in Deutschland meiner Meinung und Erfahrung nach, Eingliederungshilfe bedeutet, sind wir Lichtjahre davon entfernt, dass hochbegabte Kinder Schulen, die ihren Belangen entsprechen besuchen können.
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Sabine Hartmann



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BeitragVerfasst am: 16.06.2006, 20:38    Titel: Antworten mit Zitat

Meiner Erfahrung nach sind die meisten unterforderten hochbegabten Kinder nicht mehr in der Lage, gute Noten zu "produzieren" um dann von einer Schule für Hochbegabte angenommen zu werden. Auch hier besteht ein großes Manko, das hochbegabte Kinder nur mit guten Noten angenommen werden. Zumal diese Schulen wissen müssten, das gerade die schlechten Noten die Not der Kinder aufzeigen, von einer Schule für Hochbegabte angenommen zu werden.

Sabine Hartmann
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Doris Carnap
Moderatorin


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BeitragVerfasst am: 17.06.2006, 10:50    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Marlene, hallo Sabine,

es ist bedauerlich , dass die meisten Spezialschulen für Hochleister mit guten Noten gedacht sind und nicht unbedingt für Hochbegabte. Was Hochbegabte leisten können, wenn alles rundläuft in der Schule, ist in Schulen eher unbekannt.

Für mich war diese Aussage interessant, als Christiane Stenger nach ihren Schwächen gefragt wird, sagt sie:
Zitat:
Ziemlich vergesslich bin ich auch. Wenn ich beispielsweise aus dem Zimmer gehe, um etwas zu holen, fällt mir oft nicht mehr ein, was das für ein Gegenstand war.
(Und trotzdem gewann sie, mit der richtigen Technik, "die Gedächtnisweltmeisterschaften für Junioren und zählte in der Rangliste der Erwachsenen bald zu den Top Ten.")

Der typische zerstreute Professor also. Sabine du hattest das Thema in deinem Forum auch mal angesprochen unter "Einstein hatte ADS?" Welche Schwächen und Stärken sind mit dieser besonderen Denkfähigkeit verbunden?

In meinem Psychologie Lehrbuch der Open University steht:
Zitat:
"If divergent thinking is an essentiell prerequisite of exceptionel intellectual performance, it is ironic that candidates for higher education are selected largely on the basic of their ability to do well in school examinations which, for the most part, tap only convergent thinking. It is worth remembering that many creative geniuses, including scientists like Albert Einstein, had undistinguished school records."

Divergentes Denken wird als eine Komponente des kreativen Denkens beschrieben und ist eine "Vorraussetzung für außerordentliche intellektuelle Leistungsfähigkeit". Um gute Noten in der Schule zu bekommen, ist vor allen Dingen reproduktives Denken gefragt. Für Hochbegabte keine Herausforderung, das nachzubeten was andere gedacht haben. Und selbst wenn sie Denkfehler ihrer Lehrer erkennen, dürfen sie ihre Erkenntnis nicht mitteilen, denn das ärgert Lehrer garantiert und wird schnell als schlechte Erziehung gedeutet.

Anne und Thomas Eckerle schreiben in ihrem Beitrag "Ursachen für misslingende Schulkarrieren von hochbegabten Kindern" http://www.hochbegabtenhilfe.de/img....ingendeSchulkarrieren.doc über die Unordnung des Wissens bei Hochbegabten:
Zitat:
Hoch begabte Kinder verarbeiten pro Zeiteinheit mehr Information als weniger begabte. Diese Informationen können durch Lehrer oder Medien dargeboten, über Sinneswahrnehmung aufgenommen oder aus der eigenen Vorstellungswelt eingespielt werden. Aus der größeren Quantität ergeben sich auch höhere Anforderungen an die Selektion der Informationen, an deren Reduktion/Abstraktion und schließlich an die Integration in das bestehende Wissen. Diese Leistungen sind aber alle gebunden an die Strukturiertheit des vorhandenen Wissens und die methodische Organisation des geistigen Handelns. Hochbegabte Kinder und Jugendliche haben daher eine Tendenz zur intellektuellen Unordnung, deren Kompensation abhängig davon ist, dass ihre ordnenden Fähigkeiten mit der Menge ihrer Informationen in eine Balance gebracht werden.

Die Informationsfülle aus eigenem Wissensvorrat fällt bei hochbegabten Kindern als problemerfindendes Denken auf. Wo andere Information entgegennehmen, spinnen hoch begabte den Gegenstand ein in ihre persönlichen Assoziationen, in Probleme, die aus ähnlichen Zusammenhängen hochkommen, in Fragestellungen auch, die sich aus Missverständnissen der wörtlichen Formulierung ergeben. Die aktiven Hinzufügungen zur Information sind bei Hochbegabten stärker ausgeprägt, neurobiologisch gesehen: die Vernetzungen zwischen den Informationen sind stärker, aber nicht immer besser geordnet als bei schwächer begabten Kindern.

Die Informationsfülle von außen wird ? neben medialen Quellen - durch einen Fördergedanken weiter vergrößert, der nach unserem Eindruck zu unkritisch umgesetzt wird, den des Enrichment. Dabei geht es um die Idee, das was im undifferenzierten begabungsheterogenen Unterricht unzulänglich bleibt, in begabungshomogenen Lernangeboten nachzureichen. Schulen, die ihre hochbegabten SchülerInnen fördern wollen, entwickeln sogenannte Drehtürmodelle: Ein Kind ist in der Regelklasse, geht aber für bestimmte Angebote in spezifische Gruppen, die entweder von der Schule angeboten, schulübergreifend organisiert oder in Universitäten eingerichtet werden. Private Vereine machen jährlich Millionenumsatz, indem sie solche Gruppen auch außerschulisch einrichten. Leider wird oft die Freude, mit der hochbegabte Kinder auf einen nicht langweiligen fordernden Unterricht zugehen, mit Förderung verwechselt. Wie kann ein Kurs so angeboten werden, dass er geistige Unordnung nicht verstärkt und sogar ordnende Strukturen und intellektuelle Instrumente über das explizit Gebotene hinaus anlegt, also fördert?

Renzulli, der das Drehtürmodell und den Enrichment-Gedanken mit eingeführt hat, hat darauf ganz klare Antworten, deren Quintessenz ist: Enrichment hat nicht primär das Ziel, inhaltlich anzureichern, sondern Arbeitserfahrungen zu ermöglichen, die zu besserer kognitiver Organisation führen. Die Deformierung dieses Gedankens zu einer Anhäufung von Kursangeboten entspricht der beklagenswerten Beobachtung, dass in unseren Schulen, wenn es um die Hebung des Leistungsniveaus geht, vor allem von der Vermessung von inhaltlichem Wissen anstatt von der Qualität des Denkens die Rede ist. Enrichment in der bei uns (überwiegend) praktizierten Form ist vom Grundgedanken her eine Kompensation am falschen Ende. Die Balance zwischen ordnenden Fähigkeiten und Menge der Informationen wird auf der Seite der Informationen weiter gestört.

Die Brecht Schulen in Hamburg bieten ihren hochbegabten Schülern die Möglichkeit als Projektarbeit, anhand von selbstausgesuchten Themen, ihr Wissen zu sortieren. Das heißt, während die einen Schüler normalen Unterricht machen, dürfen die anderen vertieft an Themen arbeiten, die sie gerade besonders interessieren. Auf diesem Weg können Schüler schon früh zeigen, wofür sie sich interessieren und was in ihnen steckt. Wenn sie älter sind werden sie auch an von Lehrern festgesetzten Themen mit Spaß vertieft und erfolgreich arbeiten können.

Doris
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