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Allein unter Frauen - Hallo Herr Lehrerin

 
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geloescht



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BeitragVerfasst am: 23.06.2006, 08:38    Titel: Allein unter Frauen - Hallo Herr Lehrerin Antworten mit Zitat

http://www.zeit.de/2006/26/C-Grundschullehrer?page


Hallo, Herr Lehrerin!

Grundschulen sind zu beinahe männerfreien Zonen geworden. Welche Verwirrung das bei den Kindern auslöst, zeigt ein Beispiel aus Hamburg Von Katja Kasten

Grundschullehrer Philipp Kopf hat drei Kollegen und 20 Kolleginnen

Jetzt das Flunder-Lied!« Der Mann greift nach der Gitarre, schlägt die Beine übereinander und spielt den ersten Akkord. Der Chor stimmt ein, kann die vier Strophen des Kinderliedes vom alten Harung und dem platten Fisch auswendig. Singen gehört zum Alltag der 26 Kinder der 1a der Hamburger Ganztagsgrundschule Ludwigstraße. Genauso wie der Mann vorn an der Tafel.

Mit seinen braunen Locken, seinen 1,85 Metern Größe und den Joggingschuhen sieht er aus wie ein amerikanischer Footballspieler, dabei zählt Philipp Kopf, 35 Jahre alt, zu den wenigen Männern, die sich für den Beruf des Grundschullehrers entschieden haben: ein Außenseiter in einem Frauenberuf. Nur 14 Prozent des Grundschulunterrichts werden in Deutschland von Männern erteilt. »In extremen Fällen kann diese Situation dazu führen, dass Kinder bis zum Alter von zehn oder zwölf Jahren in ihrem Alltag keinen Mann erleben«, warnt Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

Es ist Punkt acht. Philipp Kopf bereitet den Unterricht vor. In der 1a dreht sich heute alles um Tiere. Weil die Klasse am Vortag einen Wildpark besucht hat, baut der Pädagoge an der Tafel einen mit Packpapier und Draht nach. Serkan kommt schon um kurz nach acht, obwohl der Unterricht erst um zehn vor neun beginnt. Kopf begrüßt ihn, zeigt dem Sechsjährigen, wie er sich selbst beschäftigen kann. Serkan schaut sich mehrmals im Computer die Fotos vom Wildpark an. »Ein Wildschwein, ein Wildschwein«, ruft er aufgeregt.

Innerhalb von 20 Jahren sank der Männeranteil von 50 auf 15 Prozent

An der Grundschule Ludwigstraße im Hamburger Schanzenviertel unterrichten drei weitere Männer und 20 Lehrerinnen, die Leiterin eingeschlossen. Auch die sechs Erzieherstellen sind mit Frauen besetzt. Typische Zahlen, die Feminisierung der Grundschulen hat schon vor Jahrzehnten angefangen. Bis in die sechziger Jahre hinein waren noch mehr als die Hälfte der Lehrkräfte an Grund- und Hauptschulen männlich. Nach der Schulreform 1969 trennte man Hauptschule und Grundschule, und immer weniger Männer unterrichteten die Kleinsten. Im Schuljahr 1990/91 arbeiteten zu einem Drittel Männer an Grundschulen, zehn Jahre später gerade noch 15 Prozent. Viele Männer begriffen nicht die Vielfalt und Kreativität des Berufes und überließen daher den Frauen einfach das Feld, sagt Philipp Kopf. »Dabei kannst du als Pädagoge früh in der Erziehung und Bildung ansetzen und auch etwas erreichen.«

Besonders die Jungen suchen die Nähe des Lehrers

Josef Kraus hingegen macht das geringe Prestige, vor allem aber die mageren Aufstiegschancen dafür verantwortlich, dass karrierebewusste Männer kaum in die Grundschulen gehen wollen. »Es ist doch so: Schulleiter wird nur einer, die anderen stecken fest. Auch finanziell.«

Nach und nach kommen die Kinder in Kopfs Klassenzimmer, viele von ihren Müttern begleitet. Sie stürmen in das angrenzende Bastelzimmer, in dem ihr Klassenlehrer am Wildpark werkelt. Manche zerren an seinem Arm, andere rufen so lange seinen Namen, bis er sich ihnen zuwendet. Ruhe kehrt erst im Morgenkreis ein. »Mein Tier klopft auf Holz und bekommt niemals Kopfschmerzen. Wer kennt dieses Tier?«, beginnt Kopf den Unterricht.

Die 1a leitet er mit Sybille Poetzel zusammen. Die zierliche Frau mit dem Pagenschnitt ist seit 28 Jahren im Beruf. Zum ersten Mal arbeitet sie mit einem Mann im Team. Doch, sagt sie, es mache schon einen Unterschied, ob sie mit einem Mann oder einer Frau zusammen unterrichte. »Ein Mann kann sich manchmal besser durchsetzen.« Manche Kinder seien regelrecht fixiert auf Philipp Kopf. »Sie suchen seine Anerkennung. Er bringt Klarheit wie ein guter Vater.«

Die Schüler sitzen auf kleinen Holzstühlen an Tischen, die wie ein U angeordnet sind. Jeder Schüler darf sich ein Tier aus dem Wildpark aussuchen und dieses malen. »Denkt daran, dass die Tiere nicht zu klein sein dürfen, ihr müsst sie ausschneiden können«, sagt Kopf. Ein Stöhnen geht durch den Raum, die Ersten zücken ihr Radiergummi. Während Sybille Poetzel mehr auf die Mädchen eingeht, kümmert sich Kopf um die Jungen. »Das ist normal«, sagt sie. Philipp Kopf schätzt, dass 75 Prozent der Kinder an seiner Schule aus Scheidungsfamilien kommen. »Es gibt Mütter, die beantragen, dass ein Mann ihr Kind unterrichtet«, sagt er. »Ich bin Ersatz für den, der zu Hause fehlt.« Von den 26 Schülern der 1a kommen etwa 10 aus Migrantenfamilien, ein Schüler kann kaum Deutsch sprechen. Kein Wunder, dass gerade viele Jungen in Kopf eine wichtige Bezugsperson sehen.

Irritierte Reaktionen auf seinen Beruf hat Kopf bislang selten erlebt. »Es gibt Freunde, die machen Sprüche, dass ich mit zwölf Wochen im Jahr so viel Freizeit habe«, sagt er. »Ich aber stehe dazu und freue mich darüber.« Seine Männlichkeit habe noch niemand offen infrage gestellt, er könne sich aber vorstellen, dass Kollegen andere Erfahrungen machen. »Wir sprechen nicht über solche Themen.«

Der Psychologe Tim Rohrmann, der die Situation von Männern in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen untersucht, sagt: »Für viele ist es befremdlich, dass sich ein Mann für einen traditionellen Frauenberuf entscheidet. Manche Grundschullehrer müssen sich mit Fragen auseinander setzen, ob sie keine richtige Arbeit gefunden hätten.«

Kopf stellte erst im Referendariat fest, dass er an die Grundschule wollte. In Hamburg studierte er Geografie und Religion für die Grund- und Mittelstufe. Er unterrichtete ein Jahr lang an einer Grundschule und ein weiteres an einer Haupt- und Realschule im Hamburger Stadtteil Rahlstedt. Er empfand »Horror«, eine neunte Klasse in Religion zu unterrichten. Zu wenig habe er vermitteln können, weil ständig jemand den Unterricht störte. »Ich habe Respekt vor den Kollegen, die dort arbeiten.« Kopf bewarb sich stattdessen vor fünf Jahren an der Ganztagsgrundschule Ludwigstraße. 30 Stunden unterrichtet er dort durchschnittlich in der Woche. »Hier lächeln die Kinder, wenn sie einen sehen«, sagt er.

Es ist die dritte Stunde an diesem Schultag. Philipp Kopf gibt Sport in einer vierten Klasse. Er steht im Pink-Floyd-T-Shirt am Hallenrand, die Schüler spielen Ball. »Ich sehe schon zu, dass sich alle austoben können und die Jungs auch mal wild spielen können. Das läuft bei vielen Kolleginnen anders ab.« Ein Kollege hat eine »Boys Group« ins Leben gerufen. Abenteuersport und auch mal ein Lagerfeuer stehen da auf dem Plan. Nach dem Ballspielen versucht Kopf den Kindern Radschlagen und Handstand beizubringen. Knuts Arme knicken immer wieder ein, als er versucht, in den Handstand zu gehen. Philipp Kopf nimmt sich Zeit, zeigt ihm immer wieder, wie man Schwung nimmt, hält ihn, als er in den Handstand geht. »Siehst du, du schaffst das.«

Die Grundschule Ludwigstraße ist eine Ganztagsschule, deshalb werden die Kinder bis nachmittags um vier betreut. An diesem Tag bedeutet das für Philipp Kopf: Kanufahren mit den Alsterpiraten. Es sind die letzten zwei Schulstunden, bevor er nach Hause fährt, dort den nächsten Tag vorbereitet oder am Internet-Auftritt seiner Schule bastelt. Mit dem Fahrrad fahren die Schüler zum Isekai an die Alster. Kopf sagt: »Manchmal macht der Beruf so viel Spaß, da merke ich nicht, dass ich eigentlich arbeite. Das sind die schönsten Momente.«

Allein unter Frauen

Nur wenige Männer möchten an Grundschulen unterrichten. Laut Statistischem Bundesamt arbeiteten im Schuljahr 2004/05 13,7 Prozent männliche Pädagogen an Grundschulen. Bei den teilzeitbeschäftigten Lehrkräften waren es sogar nur 4,3 Prozent. In den weiterführenden Schulen unterrichten mehr Männer. An Hauptschulen erreicht ihr Anteil 42,9 Prozent, an Gesamtschulen 40,6 und an Gymnasien 48,8 Prozent. Wer Grundschullehrer werden möchte, muss ein Lehramtsstudium samt zweijährigem Referendariat absolvieren. In einigen Bundesländern kann man sich nicht nur an Universitäten, sondern auch an Pädagogischen Hochschulen ausbilden lassen. Inzwischen gibt es einige Bachelor- und Masterstudiengänge, die Umstellung auf die internationalen Abschlüsse läuft. Grundschullehrer werden als Beamte nach Besoldungsgruppe A12 bezahlt. Das monatliche Einstiegsgehalt beträgt 2560 Euro.

© DIE ZEIT, 22.06.2006
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