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DUMM UND FAUL

 
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Marlene Mayer



Anmeldedatum: 20.01.2006
Beiträge: 271
Bundesland: Bayern

BeitragVerfasst am: 20.07.2006, 14:14    Titel: DUMM UND FAUL Antworten mit Zitat

Artikel der AZ Ausgabe vom 20.07.2006


Kein Sitzenbleiben mehr im Norden

Kiel/München (ute). Gehört das, was verharmlosend "Ehrenrunde" genannt wird, bald der Vergangenheit an? Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) will das Sitzenbleiben abschaffen, weil es den jungen Menschen schadet und weil es viel Geld kostet. Bayern geht noch nicht so radikal vor. Hier bekommen seit dem vergangenen Jahr Schüler mit dem "Vorrücken auf Probe" eine zweite Chance, die auch ein Drittel der betroffenen Gymnasiasten für sich nutzen konnte. S. Kommentar Seite 2 und Politik


Dumm und faul?

Sitzenbleiber sind dumm und faul. Geschieht ihnen recht, wenn sie eine Klasse wiederholen müssen. Stimmt das wirklich? Jedenfalls hatte man hierzulande seit jeher an diesem Glauben festgehalten. Es wird Zeit, dass das Sitzenbleiben endlich geächtet wird. Denn bei jedem Wiederholer hat das Schulsystem versagt, ein Sechser in Mathe oder Latein ist eine Bankrotterklärung der Pädagogik! Da werden Problemschüler geschaffen, die einfach nach unten durchgereicht werden.
?zz-s-ein?Nicht einmal das Argument des Wettbewerbs in einer leistungsorientierten Gesellschaft stützt das Sitzenbleiben als erzieherische Maßnahme. In vielen Industrieländern ist das Wiederholen unbekannt. Zum Beispiel Japan, England oder Schweden und Finnland haben das Wiederholen weitestgehend abgeschafft. Und bekanntlich schneiden diese Länder im internationalen Pisa-Vergleich besser als Deutschland ab.
?zz-s-ein?Gut, dass jetzt Schleswig-Holstein mit gutem Beispiel vorangehen und das Sitzenbleiben ganz abschaffen will. Gut, dass auch Bayern verstärkt versucht, schwächere Schüler zu fördern. Aussortieren ist keine pädagogische Leistung. Ursula Ernst
Sitzenbleiben ist teuer und umstritten


Schleswig-Holstein will es abschaffen, Bayern bleibt dabei
Von unserer Redakteurin Ursula Ernst

München/Kiel
Schon ehe die Zeugnisse zum Schuljahresende verteilt werden, steht für viele Schüler fest: Sie werden sitzen bleiben, sie müssen die Klasse wiederholen, weil sie entweder mit zwei Fünfern oder einer Sechs in einem Kernfach das Klassenziel nicht erreicht haben. Im vergangenen Jahr waren es in Bayern 54 000. Davon sind mehr als die Hälfte so genannte "Pflichtwiederholer", ein Viertel sind "Übertrittswiederholer", die nach der fünften Klasse Hauptschule in die fünfte Klasse Realschule wechseln, und ein Fünftel wiederholt freiwillig. In Deutschland bleiben rund 250 000 Schüler jedes Jahr sitzen. Nun will Schleswig-Holstein das Sitzenbleiben abschaffen.
Sitzenbleiben ist teuer: Viel zu viele Schüler bleiben sitzen, sagt seit Jahren die bayerische SPD. Das kostet den Staat jährlich Unsummen, rechnet SPD-Fraktionschef Franz Maget vor. Billiger wäre es, würde man die Schwächen der Schüler mit Extraförderung in den betroffenen Fächern abfangen. Die Wiederholung einer Klasse verursache Mehrkosten von insgesamt 210 Millionen Euro, das entspreche etwa 3500 Lehrerstellen. Außerdem verlängert sich die Ausbildungszeit.
Sitzenbleiben schadet den Kindern: "Man fügt jungen Menschen dadurch Schaden zu", sagt Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) in einem Interview mit dem Stern. Sie will deshalb das Wiederholen ganz abschaffen. Die ehemalige Lehrerin weiß, dass das Sitzenbleiben zu gewaltigen persönlichen Problemen führe. "Du gehörst hier nicht hin", lautet die Botschaft eines Zeugnisses, das das Vorrücken in die nächste Jahrgangsstufe verhindert. Die Kinder werden aus ihrem Klassenverbund gerissen, schämten sich und verlören die Motivation, so Erdsiek-Rave.
Sitzenbleiben ist pädagogisch nicht erfolgreich: Erdsiek-Rave bezieht sich auf verschiedene Studien, die belegen, dass aus Wiederholern nicht automatisch Superschüler werden. Sie werden zwar in den Problemfächern erst einmal besser, verschlechtern sich aber in den anderen, weil sie sich im Unterricht langweilen. Hinter dem Sitzenbleiben steckt die pädagogische Kultur des Aussortierens, von Experten längst als Ursünde des Bildungssystems gebrandmarkt.
Vielen hat es nicht geschadet: Die Liste der bekannten "Sitzenbleiber" liest sich gut: der Schriftsteller Thomas Mann, der erste Kanzler des Deutschen Reichs, Otto von Bismarck, Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber und sein niedersächsischer Kollege Christian Wulff, der Entertainer Harald Schmidt und der Fußballer Mehmet Scholl.
Was macht Bayern? Im Freistaat wird das Sitzenbleiben grundsätzlich nicht abgeschafft. Aber: Die Zahl der Wiederholer soll deutlich gesenkt werden, sagt Ludwig Unger vom Kultusministerium. Mit dem "Vorrücken auf Probe" bekommen Schüler eine zweite Chance. Im vergangenen Jahr schaffte es über ein Drittel der Gymnasiasten, das den Antrag gestellt hatte, in der Klasse zu bleiben. Mit Förderstunden an den Realschulen und Intensivierungsstunden am G 8 soll die Zahl der Sitzenbleiber reduziert werden. Hauptschüler können sich mit einer Nachprüfung "retten".
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Zusatz von mir:
IST BAYERN NICHT SPITZENMÄSSIG??????????????? Evil or Very Mad

WO GIBT ES NUR DIE ROSAFARBIGEN BRILLEN???? Rolling Eyes Rolling Eyes
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Tess



Anmeldedatum: 16.03.2006
Beiträge: 50

BeitragVerfasst am: 20.07.2006, 15:21    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

Baden-Württemberg rühmt sich sogar, die niedrigste Wiederholungsquote zu haben, 1,9%.

Daraus folgere ich, dass wir in einem besonders dummen Landkreis wohnen. Hier sitzen in jeder Klasse 1-2 Wiederholer, vom Gymnasium wechselt jedes Jahr ein Schüler auf die Realschule. Das oft freiwillig zum Halbjahr, um eine Nichtversetzung zu vermeiden. Geschätzt hätte ich jetzt etwa 5% Nichtversetzungen bzw. "freiwillige" Stufenwechsel.

Von den im Text versprochenen Hilfen für versetzungsgefährdete Schüler gibt es bei uns gar nichts. Mit Glück erfährt man im Vorfeld davon. Wenn man auf Grund eines Kreuzchens in der Halbjahresinformation das Gespräch mit dem KL sucht, kann es auch passieren, dass der nur über allgemeines spricht und das Wort "versetzungsgefährdet" meidet. Oder er gibt zu, dass es knapp werden könnte, aber man soll beruhigt sein und vertrauen, es würde sich drum gekümmert.............

dazu wurde irgendwann stillschweigend noch die Ausgleichsregelung geändert. Mehrere 5en sind nun kaum mehr auszugleichen.


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Datum: 12.06.2006


Baden-Württemberg weist mit 1,9 % (Schuljahr 2004/05) die niedrigste Quote an Klassenwiederholern bundesweit auf

Kurzbeschreibung: "Baden-Württemberg weist die niedrigste Quote an Klassenwiederholern bundesweit auf. An der Nichtversetzung als ultima ratio halten wir fest ", sagte Kultusminister Helmut Rau am Montag (12. Juni) in Stuttgart.

"Baden-Württemberg weist die niedrigste Quote an Klassenwiederholern bundesweit auf. An der Nichtversetzung als ultima ratio halten wir fest ", sagte Kultusminister Helmut Rau am Montag (12. Juni) in Stuttgart.

Im Primarbereich belief sich die Zahl der Wiederholer im Schuljahr 2004/05 auf 1,4 %, im Sekundarbereich I auf 2,3 % und im Sekundarbereich II auf 1,8%. Das ergibt einen Gesamtdurchschnitt von 1,9 %. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 2,8%. "Diese Zahlen belegen, dass an unseren Schulen alles getan wird, um eine Versetzung zu erreichen", betonte Rau. Wenn sich bis zum Schulhalbjahr abzeichnet, dass eine Nichtversetzung droht, haben die Schulen die Möglichkeit, rechtzeitig individuelle Fördermaßnahmen einzuleiten. Die neuen Kontingentstundentafeln geben den Schulen die Möglichkeit, die nötigen Freiräume und Ressourcen dafür freizuhalten.

Außerdem gibt es in Baden-Württemberg auch das Instrument der Versetzung auf Probe. Schülerinnen und Schülern, die das Klassenziel knapp verfehlen, haben eine zweite Chance, Wissenslücken zu schließen. Die Klassenkonferenz kann im Einvernehmen mit dem Schulleiter beschließen, dass ein nicht versetzter Schüler für einen Zeitraum von vier Wochen die Aufnahme auf Probe in die nächsthöhere Klasse gestattet wird, wenn sie zur Auffassung gelangt, dass der Schüler die Mängel in den unter "ausreichend" bewerteten Fächern in absehbarer Zeit beheben kann. Die Aufnahme setzt aber eine Zielvereinbarung voraus. Sie sieht vor, dass für den Schüler in den Sommerferien ein konkreter Plan zum Nachlernen abgesteckt wird. Nach vier Wochen wird der Schüler in den betroffenen Fächern schriftlich und mündlich von einem vom Schulleiter beauftragten Lehrer getestet. Die dabei erzielten Noten ersetzen die Zeugnisnoten. "Damit setzen wir Anreiz und Anforderung in ein pädagogisch sinnvolles Verhältnis und geben den Schülerinnen und Schülern die gewünschte zweite Chance", erläuterte Kultusminister Rau das Konzept Baden-Württembergs.

Zu den von der GEW veröffentlichten Kosten, die Sitzenbleiber verursachen, ist anzumerken, dass die betroffenen Schüler in der Regel in bereits bestehende Klassen aufgenommen werden. Dadurch entstehen keine wesentlichen Mehrkosten. Die angeführten Zahlen tragen nicht zu einer sachgerechten Berechnungsgrundlage bei.

http://www.km-bw.de/servlet/PB/-s/o....0/menu/1187427/index.html
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Doris Carnap
Moderatorin


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BeitragVerfasst am: 20.07.2006, 15:49    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Tess, hallo Marlene,

in die Statistik gehen 'nur' die Schüler ein, die wirklich sitzengeblieben sind, die freiwilligen Wiederholer nicht!

Und man darf nicht vergessen, dass es sich bei den Zahlen um Durchschnitte handelt, wie das an der einzelnen Schule und Klasse aussehen kann, hatte ich hier beschrieben: http://emgs.de/forum-emgs/viewtopic.php?t=523

In der ZEIT der letzten Woche hat der bayrische Kultusminister seinen Standpunkt zum Sitzenbleiben dargelegt: http://www.zeit.de/2006/29/Schneider

Doris
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"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson
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Petra Litzenburger



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Beiträge: 669
Bundesland: Saarland

BeitragVerfasst am: 20.07.2006, 17:44    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat Stoiber (Quelle: Bayrischer Rundfunk):

Zitat:
Wenn es überall so wäre wie in Bayern, so der Ministerpräsident, dann gäbe es keine Probleme. "Wir haben leider nicht überall so kluge Bevölkerungsteile wie in Bayern", sagte Stoiber


Diese Aussage finde ich in dem Zusammenhang, dass der werte Herr Minister selbst eine "Ehrenrunde" in seiner Schullaufbahn gedreht hatte sehr interessant.

Aber Sitzenbleiber sind ja nur dumm und faul.


Petra Litzenburger
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Marlene Mayer



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Beiträge: 271
Bundesland: Bayern

BeitragVerfasst am: 20.07.2006, 18:04    Titel: Antworten mit Zitat

Laughing Laughing Laughing Laughing Laughing Laughing Laughing Laughing Laughing Laughing Laughing Laughing Laughing Laughing

Soviel zu dem Kommentar von Seiten des Herrn Stoibers im Rundfunk

Vielleicht soll gerade deswegen das Sitzenbleiben nicht abgeschafft werden, interessant! Dann haben meine Kinder doch noch Aussichten zumindest in der Politik tätig oder besser bekannt zu werden Rolling Eyes Rolling Eyes braucht man dazu denn Abitur und Studium, ich bin mir ehrlich nicht sicher?? Mit dem durchlässigen Bildungssystem in Bayern erreicht man sehr viel, erst neulich wieder ein Bericht in der Zeitung, das so wenige den Quali schaffen....ob das wohl wieder an unfähigen Eltern und faulen Schülern liegt, demnach wären viele unfähig und die meisten nur faul, ist doch ein wenig zu einfach gedacht, oder? Mad
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schultid



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BeitragVerfasst am: 20.07.2006, 20:27    Titel: keine wesentlichen Mehrkosten durch Sitzenbleiber? Antworten mit Zitat

"Zu den von der GEW veröffentlichten Kosten, die Sitzenbleiber verursachen, ist anzumerken, dass die betroffenen Schüler in der Regel in bereits bestehende Klassen aufgenommen werden. Dadurch entstehen keine wesentlichen Mehrkosten. Die angeführten Zahlen tragen nicht zu einer sachgerechten Berechnungsgrundlage bei." (Auszug aus der PM vom KM-BW).
Wie können unsere Kinder PISA-Sieger werden, wenn die Verwalter unseres Bildungssystems in Schulen und Ministerien nicht einmal die "wesentlichen Mehrkosten" für ein Produkt berechnen können, dass zur Produktion 1 Jahr mehr braucht - egal ob in derselben Produktionshalle oder woanders?
mfg mamabo von schultid
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Marlene Mayer



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Beiträge: 271
Bundesland: Bayern

BeitragVerfasst am: 21.07.2006, 15:20    Titel: Wieder mal Worte des Herrn Stoibers!!! Antworten mit Zitat

Artikel der AZ Ausgabe vom 21.7.2006 Seite 3

"Nur mit bester Bildung bleiben wir Spitze"

Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber will vor allem auf die Hauptschule künftig ein besonderes Augenmerk richten

München

Offene Baustellen und Dispute in Berlin, neue Aufgaben in München und immer wieder Probleme an der Basis. Noch nie, so sagt Edmund Stoiber, habe er so viel gearbeitet wie zurzeit. Aber wohin geht die Reise? Mit dem CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten sprachen unsere Redakteure Uli Bachmeier, Walter Roller und Jörg Sigmund.

Frage: Herr Ministerpräsident, wann sagen Sie uns, dass Sie bei der Landtagswahl 2008 wieder antreten?

Stoiber: Das ist jetzt nicht das Thema. Die zweite Halbzeit der Legislaturperiode hat ge-rade erst begonnen. Wir wollen Bayern weiter voranbringen.

Frage: Aber es interessiert uns und es interessiert unsere Leser.

Stoiber: Natürlich weiß ich, dass sich die öffentliche Diskussion gerne mit Personalfragen beschäftigt. Viel wichtiger aber sind die Sachfragen. Wir stehen vor wichtigen Weichenstellungen.

Frage: Im Moment sieht es aber nicht danach aus, dass es Lösungen gibt. Lassen Sie uns über Berlin reden. Was läuft schief in der Großen Koalition?

Stoiber: Ich denke, es müssten alle Verant-wortlichen mehr über die Erfolge und Leistungen der Großen Koalition reden. Die Arbeitslosigkeit ist innerhalb eines Jahres um 380 000 auf unter 4,4 Millionen gesunken. Wirtschaftswachstum und Steuerschätzung gehen nach oben. Die Binnenkonjunktur springt an. Jetzt bringen wir ganz aktuell eine Unternehmenssteuerreform auf den Weg, mit der wir Arbeitsplätze sichern wollen. Wer meint, er könnte das mit der FDP und den Grünen hinkriegen, der träumt.

Frage: Wo liegt dann das Problem?

Stoiber: Das ist doch klar: Es war weder für die Union noch für die SPD eine Wunschkonstellation. Insofern fallen in jeder Partei einzelne Kritikpunkte natürlich auch eher auf fruchtbaren Boden. Aber das bringt uns nicht weiter. Wie gesagt: Wir sollten die Lösungen, die wir gefunden haben, mehr in den Vordergrund rücken.

Frage: Das gelingt auch der CSU nicht immer. Wo ist die Handschrift der CSU in der Großen Koalition erkennbar?

Stoiber: Unsere Leute hier sind CSU pur ge-wohnt. Hier wird diskutiert, dann wird ent-schieden und dann wird das gemacht. In der Großen Koalition geht es darum, die komplexen Probleme von sehr, sehr verschiedenen Ausgangspositionen zusammenzuführen. Das ist etwas ganz anderes. Trotzdem ist die Handschrift der CSU deutlich. Wir haben zum Beispiel erreicht, dass auch Alleinverdiener Kindergartengebühren steuerlich absetzen können und dass das Ehegattensplitting nicht angetastet wird. Oder wir haben die Basis dafür gelegt, dass jetzt alle Welt davon redet, dass Deutsch die wichtigste Voraussetzung für Integration ist und Multikulti zu einem Unwort geworden ist.

Frage: In Bayern haben Sie nach der Föderalismusreform mehr denn je Gelegenheit, "CSU pur" zu demonstrieren. Wo liegen Ihre Schwerpunkte in der Landespolitik?

Stoiber: Mein Ziel ist wirtschaftlicher Erfolg und sozialer Zusammenhalt im ganzen Land. Die großen Themen sind Bildung, Forschung, Wissenschaft und Familie.

Frage: Und dafür wird nun richtig Geld ausgegeben?

Stoiber: Wir haben nach unserem Sparkurs sicherlich die Chance, in den beiden kommenden Jahren wieder mehr zu investieren. Unter dem Motto "Bayern 2020" muss es unser Ziel sein, den Weg des Aufstiegs weiterzugehen. Ziel ist, dass Bayern ein tolerantes, offenes und selbstbewusstes Land bleibt. Um an der Spitze mithalten zu können, müssen die Menschen bestens ausgebildet sein.

Frage: Das heißt, Sie investieren vor allem in die Bildung?

Stoiber: Schon heute geben wir aus unserem 35-Milliarden-Etat mehr als zehn Milliarden Euro für Schulen und Hochschulen aus. Nochmals: Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands hängt von der Ausbildung der Menschen ab ­ und dies liegt nach der Föderalismusreform allein in der Hand der Länder. Das ist gut für Bayern.

Frage: Wo konkret wollen Sie im Bildungsbereich noch stärkere finanzielle Akzente setzen?

Stoiber: Ich bin ein Anhänger des dreigliedrigen Schulsystems. Der Hauptschule, die nach wie vor rund 39 Prozent der Kinder besuchen, sollte unser besonderes Augenmerk gelten. Sie muss zu einer echten weiterführenden Schule neben Realschule und Gymnasium werden, als solche anerkannt von der Gesellschaft und vor allem auch der Wirtschaft. Die Jugendlichen brauchen eine optimale Qualifikation. Von der Hauptschule aus soll der Weg auch an die berufliche Oberschule selbstverständlich werden. Eine Verschmelzung von Haupt- und Realschule, wie von der SPD gefordert, lehne ich ab.

Frage: Bildungspolitik beginnt ja schon im Kindergarten. Was muss hier noch getan werden?

Stoiber: Im Kindergarten selbst haben wir bereits eine nahezu 100-prozentige Bedarfsdeckung. Bei der Krippenbetreuung haben wir das noch nicht geschafft. Ich will aber bis zum Jahr 2008 auch hier möglichst die volle Bedarfsdeckung erreichen.

Frage: Ihre Partei war auf diesem Gebiet ja nicht gerade Vorreiter.

Stoiber: Das ist richtig. Vor fünf oder zehn Jahren waren wir bei der Betreuung der Jüngsten noch zurückhaltender, weil wir das in Konkurrenz zur Erziehung durch die Eltern gesehen haben. Doch durch die vielen gut ausgebildeten Frauen hat sich viel geändert. Darauf muss eine Volkspartei wie die CSU reagieren. Bei uns muss die berufstätige Frau ebenso eine Heimat haben wie die Mutter, die ihre Kinder zu Hause betreuen will. Das gilt generell: Unser Ziel ist es, für alle Bevölke-rungsschichten die politische Heimat zu sein und gesellschaftliche Brüche nicht zu groß werden zu lassen.

Frage: Überall die Mehrheiten zu halten, wird aber offenbar immer schwieriger. Nehmen Sie zum Beispiel die Freien Wähler und die jüngste Landratswahl im Unterallgäu. Bereitet Ihnen das keine Sorge?

Stoiber: Ich setze darauf, dass die Menschen sehr genau differenzieren: Wo ist das Personal und die Kompetenz der Freien Wähler auf Landes- und Bundesebene? Politik aus einem Guss gibt es nur mit der CSU. Die CSU ist die einzige Partei, die in den Kommunen, in Bayern, auf Bundesebene und auch in Europa für die Bürger etwas durchsetzt. Die Wähler wissen, dass die Freien Wähler diese Möglichkeiten, auf allen politischen Ebenen zu handeln, nicht haben.

Frage: Im Unterallgäu haben sie aber sehr wohl Erfolg gehabt.

Stoiber: Die CSU ist und bleibt die erfolg-reichste Kommunalpartei in Bayern. Klar ist aber auch: Jede Kommunalwahl ist eine Her-ausforderung mit ihren eigenen Gesetzen. Das hat der Bezirksvorsitzende Markus Ferber ja auch deutlich angesprochen.

Frage: Ihr Parteifreund, der Oberallgäuer Landrat Gebhard Kaiser, hat der Landespolitik allerdings ziemlich deutlich eine Mitschuld an der CSU-Niederlage gegeben und unter anderem auf die Schließung vieler Teilhauptschulen hingewiesen.

Stoiber: Schon Franz Josef Strauß hat immer gesagt: Nur richtige Analyse führt zu richtiger Therapie. Bei den Teilhauptschulen geht es doch nicht darum, die Kommunen zu ärgern, sondern den Kindern in der Schule den bestmöglichen differenzierten Unterricht zu bieten. Das hat für uns Priorität.

?zz-zwTit-F?"Politik aus einem Guss"
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