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Interview mit Detlef H. Rost

 
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Doris Carnap
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Beiträge: 803
Bundesland: Hessen

BeitragVerfasst am: 31.05.2007, 14:42    Titel: Interview mit Detlef H. Rost Antworten mit Zitat

Zitat:
DIE ZEIT

»Der liebe Herrgott ist gerecht«

Auch Hochbegabte sind nur Menschen. Ein Gespräch mit Detlef H. Rost, der mit vielen Mythen aufräumt


DIE ZEIT: Herr Professor Rost, sind Eltern von hochbegabten Kindern zu beneiden oder zu bemitleiden?

Detlef H. Rost: Weder noch. Hochbegabte Kinder sind Kinder wie alle anderen auch.

ZEIT: Haben Sie das vor 20 Jahren geahnt, als Sie mit der Langzeitstudie begonnen haben?

Rost: Nein, ich war offen für jedes Ergebnis. Damals war das Wort »Hochbegabung« ein Unwort. Am Anfang habe ich anonyme Drohungen bekommen, ich wurde in eine rechtskonservative Ecke gestellt.

ZEIT: Heute beklagen Sie dagegen eine Hochbegabtenförderhysterie in Deutschland.

Rost: Ich mache das an den vielen Artikeln und Initiativen fest. Mütter rufen mich an und fragen: »Mein Kind ist zwei Jahre, wie kann ich es optimal fördern?!« Dann sage ich ihnen: »Zu einer normalen Entwicklung eines Kindes gehört das freie Spiel und dass sich das Kind wohlfühlt.« ? »Ja, aber es soll ja später einmal Abitur machen!« Das ist kein Witz! Viele Eltern sind hochgradig verunsichert und wollen möglichst früh die Intelligenz ihrer Kinder testen lassen. Aber man geht ja auch nicht zum Arzt, um »nur so« messen zu lassen, wie groß der Fußknöchel vom zweiten Zeh ist. Eine Begabungsdiagnostik ist dann angezeigt, wenn es zum Beispiel darum geht, dass ein Kind eine Klasse überspringt. In unsere Beratungsstelle laden wir nur diejenigen ein, bei denen sich nach einem telefonischen Vorgespräch ein Verdacht auf Hochbegabung erhärtet.

ZEIT: Wie reagieren denn die Eltern auf die Ergebnisse der Tests?

Rost: Einige kommen schon mit dem Bewusstsein, ihr Kind sei auf jeden Fall hochbegabt, und wenn unsere Diagnostik das nicht bestätigt, reagieren sie säuerlich. Dann gibt es Eltern, die haben gar nicht daran gedacht, dass ihr Kind hochbegabt sein könnte ? ihr Kinderarzt oder ein Lehrer haben dazu geraten, das Kind untersuchen zu lassen. Diese Eltern sind erstaunt, wenn das dann so ist, und sehen das relativ gelassen. Sie fragen: »Muss ich etwas Besonderes machen?« Unsere Antwort: »Wenn sich das Kind in der Schule wohlfühlt und gute Freunde hat, gibt es erst einmal keinen Anlass, etwas zu tun.«

ZEIT: Dann gibt es vermutlich noch schwierigere Fälle?

Rost: Ja, manche Eltern klagen: »Unser Kind langweilt sich und hat Probleme.« Und sie führen das auf eine Hochbegabung zurück. Dabei ist Langeweile kein Indikator für Hochbegabung, sondern für schlechten Unterricht. Und dann gibt es auch einige Eltern, die sagen: »Gott sei Dank«, wenn wir ihnen mitteilen, ihr Kind sei überdurchschnittlich aber nicht hochbegabt. Die haben in Frauenzeitschriften gelesen, Hochbegabte hätten mehr Probleme, oh je! Dann klären wir erst einmal auf, dass es keine Last bedeutet, ein hochbegabtes Kind zu haben, sondern ein Geschenk. Aber die »Genie und Wahnsinn«-Hypothese ist leider noch weit verbreitet.

ZEIT: Wenn wir schon dabei sind, dann konfrontiere ich Sie jetzt mit ein paar typischen Mythen und Eigenschaften.

Rost: Die sind unausrottbar! Ein weit verbreiteter Mythos ist, Hochbegabte brauchten wenig Schlaf. Dabei gibt es mehrere Untersuchungen, die zeigen, dass das nicht stimmt.

ZEIT: Was ist damit: Hochbegabte haben als Kleinkinder keine Trotzphasen, weil sie alles schon begreifen?

Rost: Das ist dummes Zeug.

ZEIT: Hochbegabte sprechen früh und grammatikalisch richtig.

Rost: Es wird berichtet, manche sprächen sogar relativ spät, dann jedoch recht komplex. Aber dazu fehlen gute empirische Studien.

ZEIT: Sie interessieren sich schon als Kleinkinder für Zahlen und Buchstaben.

Rost: Heute können viele Kinder vor der Schule lesen. Keines dieser Attribute ist empirisch so überprüft, dass es trennscharf zwischen hochbegabten und »nur« aufgeweckten Kindern trennt.

ZEIT: Hochbegabte sind psychisch instabil.

Rost: Ist widerlegt! Hochbegabte sind im Schnitt psychisch genauso stabil oder gar stabiler. Das haben alle Untersuchungen weltweit gezeigt!

ZEIT: Es gibt mehr hochbegabte Jungs.

Rost: Das stimmt! In den Extrembereichen sind Männer überrepräsentiert; also bei besonders hoher Begabung, aber genauso ist es bei den extrem schwach Begabten ? auch da gibt es mehr Männer. Der liebe Herrgott ist ganz gerecht.

ZEIT: Und was ist mit dem Zusammenhang zwischen Hochbegabung und Musikalität?

Rost: Es ist viel die Rede vom Mozart-Effekt. Intelligenzförderung durch das Hören von Mozart-Musik, das können Sie vergessen. Eher ist es das anregungsreiche Elternhaus, das Musikalität und Intelligenz fördert.

ZEIT: Hochbegabte kommen, das haben Sie herausgefunden, häufig aus höheren sozialen Schichten. Woran liegt das?

Rost: Intelligenz ist erstens zu 50 bis 80 Prozent genetisch bedingt, wird zweitens von Umweltanregungen beeinflusst und hängt drittens von der Wechselwirkung zwischen Anlage und Umwelt ab. In der Regel werden Begabtere in höhere soziale Schichten hineingeboren. Dort erhalten sie dann zumeist eine bessere Erziehung und Förderung, es gibt mehr Bücher, man unterhält sich viel und differenziert, die Kinder werden vielleicht auch auf bessere Schulen geschickt. Das ist so wie bei Matthäus: Wer hat, dem wird gegeben. Und deswegen klafft die Schere zwischen Privilegierten und weniger Privilegierten so weit auseinander.

ZEIT: Man kann Begabung also beeinflussen?

Rost: Ja. Intelligenz hängt deutlich von Umweltanregungen ab. Das kann man daran sehen, dass der Schulbesuch die Intelligenz fördert. Jeder Schulmonat bringt bis zu einem halben IQ-Punkt. Unter diesem Gesichtspunkt ist es vielleicht keine so gute Idee, die Schulzeit zu verkürzen.

ZEIT: Dennoch, sagen Sie, erkennen Lehrer Hochbegabung oft gar nicht.

Rost: Lehrer können Schulleistung gut diagnostizieren, das ist ihr täglich Brot. Intelligenz ist ein Potenzial, also etwas anderes Schulleistungen. Wer eine Intelligenzdiagnostik braucht, gehe bitte zum Psychologen. Wer nur die leistungsstarken Schüler für hochbegabt hält, übersieht die hochbegabten Underachiever. Das sind etwa 10 bis 15 Prozent der hochbegabten Schüler, die aber schlechte Leistungen bringen, zum Beispiel weil sie der Schule innerlich gekündigt haben.

ZEIT: Also brauchen wir doch gesonderte Klassen für Hochbegabte?

Rost: Sonderinstitutionen können für Hochbegabte mit dramatisch verkrachten Schulkarrieren hilfreich sein. Im Regelfall ? wenn Lehrkräfte mit den Eltern gut kooperieren und auf Schüler individuell eingehen ? gibt es innerhalb des normalen Unterrichts viele und gute Möglichkeiten, Hochbegabte zu fordern und zu fördern.

ZEIT: Die Neunjährigen von heute wissen viel mehr als jene, mit denen Sie Ihre Studie begonnen haben. Gibt es demzufolge heute mehr Hochbegabte als vor 20 Jahren?

Rost: Intelligenztests sollten spätestens nach 6 bis 10 Jahren neu normiert werden. Viele Kollegen benutzen Tests, bei denen die Normierungen bis zu dreißig Jahre zurück liegen. Zu unserer Beratungsstelle kommen Kinder, die mit einem veralteten Test fälschlich als hochbegabt diagnostiziert worden sind. Unsere Diagnostik zeigt dann oft, dass sie eindeutig nicht hochbegabt sind.

ZEIT: In Ihrer Studie befassen Sie sich nicht nur mit Hochbegabten, sondern auch mit sogenannten Hochleistenden.

Rost: Ja, das waren Einserkandidaten. Die sind natürlich nicht dumm, aber im Durchschnitt liegt deren IQ niedriger als der von Hochbegabten. Hochleistende sind stromlinienförmiger, was Studium und Berufswahl angeht. Sie wollen schnell studieren, Karriere machen und gut verdienen. Hochbegabte scheinen sich eher Zeit zu lassen und sich zu sagen: »Für mich ist erst mal wichtig, dass ich zufrieden bin, wenn dann noch gutes Geld dazukommt, ist es prima.«

ZEIT: Ihre Probanden sind gerade ins Berufsleben eingetreten. Wie lange wollen Sie die Studie noch fortsetzen?

Rost: Bis 2010 auf jeden Fall. Wir haben einen sehr guten Kontakt zu den Teilnehmern aufgebaut und wollen den weiter nutzen. Manche schicken uns sogar Briefe. Ein junger Mann schrieb, er habe durch die Befragungen gelernt, mehr über sich und sein Leben nachzudenken. Da er ja besonders begabt sei, sei ihm auch alles nicht so schwer gefallen. Dabei war er gar nicht hochbegabt!

Interview: Angelika Dietrich

Detlef H. RostProfessor für Psychologie an der Philips-Universität Marburg, arbeitet seit 20 Jahren an einer Studie zum Thema Hochbegabung. 1987 wurde bei über 7000 Drittklässlern die Intelligenz gemessen. 151 Schüler hatten einen IQ von 130 oder höher und gelten damit als hochbegabt. Ihnen steht eine Vergleichsgruppe mit durchschnittlicher Intelligenz gegenüber. Bis heute wissen die Probanden nicht, zu welcher Gruppe sie gehören

DIE ZEIT, 31.05.2007 Nr. 23

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"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson
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