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Der gute Lehrer

 
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Doris Carnap
Moderatorin


Anmeldedatum: 18.01.2006
Beiträge: 803
Bundesland: Hessen

BeitragVerfasst am: 29.07.2007, 08:49    Titel: Der gute Lehrer Antworten mit Zitat

Hallo,

das Thema "gute Lehrer" haben wir vor einiger Zeit hier auch schon mal diskutiert: http://www.emgs.de/forum-emgs/viewtopic.php?t=28

Hier ein Beitrag von Reinhard Kahl:

Zitat:
DIE ZEIT
Der gute Lehrer
Der Weltkongress der Lehrer debattiert vier Tage in Berlin über die großen Fragen: Bildungsgerechtigkeit, Bildungsarmut und die Verantwortung des Staates. Ein Thema aber fehlt: Was ist eigentlich ein guter Lehrer?
Von Reinhard Kahl

Fast jeder kennt ihn, den guten Lehrer. Manch einer hat nur einen einzigen kennengelernt. Und wer gar keinen hatte, der hat wirklich Pech gehabt. Was aber zeichnet gute Lehrerinnen und Lehrer eigentlich aus?

Meinen ersten Lehrer, Herrn Bergfeld, hatte ich nie lachend erlebt. Er starb, als ich in der zweiten Klasse war, an Magenkrebs. Zu meinem Glück, denn bei ihm waren meine Zensuren höchstens Durchschnitt. Meine Eltern zweifelten schon an mir. Mit seinem Nachfolger, Herrn Lüdke, ging auf Anhieb alles gut.

Und dann in der 8. Klasse des Felix-Klein-Gymnasiums in Göttingen bekamen wir meinen wichtigsten, tatsächlich für mein Leben entscheidenden Lehrer, Ulrich Popplow. Ich sehe noch, wie er in die Klasse kommt, in Eile, aber nicht gehetzt. Er konnte es nicht abwarten, etwas mitzuteilen. Immer hatte er Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher dabei. Einmal brachte er ein Buch mit, das in Oasenziegenleder eingebunden war. Das streichelte er. Popplow war ein Jäger, der seine Beute liebte und teilen wollte. Wenn er uns seine Entdeckungen präsentierte, fühlten wir uns auch als Jäger und Sammler, waren plötzlich keine Aasfresser mehr, wie sonst häufig im Unterricht.

Donnerstags begann Popplow seine Stunden in Deutsch, Geschichte oder Gemeinschaftskunde mit einer Presseschau aus Zeit und Christ und Welt. Am Montag kam er mit dem Spiegel. Zwischendurch brachte er anderes mit, zum Beispiel die Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, empfahl die neue Goethe-Biografie von Richard Freudenthal oder gab eine Zusammenfassung eines Gesprächs, das Günter Gaus am Vorabend mit der Philosophin Hannah Arendt im Fernsehen geführt hatte.

Hatte unsereiner ein Buch entdeckt, machte er es dem Meister nach und nahm es in die Stunde mit. Popplow suchte gleich nach Anstreichungen. Ohne sie akzeptierte er die Lektüre nicht. Das war eine andere Art von Prüfung als sonst in der Schule, eher sokratisch. Diese ersten Minuten seiner Stunden waren wie eine Andacht. Und auch diejenigen, die nicht auf dieses Vorspiel warteten, das waren die meisten, hörten zu. Denn Popplow war kein Stoffdealer. Er brannte, und deshalb konnte er entzünden.

Der Schulvormittag reichte Popplow für seine Lektionen nicht aus. Uns auch nicht. Also besuchten wir abends seine Kurse in der Volkshochschule und hielten Referate. Niemand wollte dort Punkte sammeln. Bei Popplow erlebten wir Grundzüge einer Schule, wie sie hätte sein können: Schüler und Lehrer verbindet ihr Interesse, nicht nur an der Sache, sondern auch an den Personen. Interesse ist freiwillig oder es ist geheuchelt. Letzteres ist der immer noch verbreitete Opportunismus der Schule, eine heimliche Botschaft, die in jeder Lektion mitgelernt wird.

Gegen die Freiwilligkeit fiel schon damals den meisten sofort das Gegenargument ein: Was wird dann aus denen, die kein besonderes Interesse haben? Hier ist die Gerechtigkeits- und Universalisierungsfrage nicht angebracht. Das Interesse und erst recht seine Passion teilt man nie mit allen. Deshalb das Feuer runterzufahren, gar den Eigensinn des Lehrers als Störung anzusehen, ist der Tod der lebendigen Schule. Heraklit hat dazu vor 2500 Jahren das Entscheidende gesagt: Lernen bedeutet nicht, Fässer zu füllen, sondern Fackeln zu entzünden.

Man stelle sich eine Lehrerausbildung vor, die nach dieser Maxime verfährt. Der Ertrag wäre in Euro gar nicht zu messen. Es wäre auch eine völlig kostenlose und enorm wirksame Reform, wenn es den Schulen überlassen würde, nach solch ansteckenden Personen zu suchen, statt in der Einstellung von Lehrern nur auf deren Noten zu achten.

Aber dieser Gedanke ruft Widerstand hervor. Wer unterschreibt schon den Satz, dass seine Person das wichtigste Curriculum des Lehrers sei? Das kommt einem irgendwie willkürlich und risikoreich vor und das ist es tatsächlich ja auch. Aber welches sind die Risiken und Nebenwirkungen, wenn man die Wissensvermittler als Lehrplaningenieure, als Menschen ohne Eigenschaften definiert? Apropos Ingenieure. In deren Ausbildung werden die nicht fachlichen Anteile immer höher geschätzt, weil sie ja ihr Wissen später mit anderen zusammen produzieren müssen. Und natürlich werden sie bei ihrer Einstellung auch als Personen ausgewählt. Man stelle sich vor, den Betrieben würden neue Ingenieure jedes Jahr nach den Sommerferien vom Technologieministerium nach deren Examensnoten zugewiesen?

Aber genau so verfährt man mit den Schulen. Dann ist es auch kein Wunder, wenn viele die sich vor den Risiken des Lebens fürchten, Lehrer werden. Auch hier müsste die Bildungspolitik ? und vielleicht auch ein Weltkongress der Lehrer ? Fantasie entwickeln, wie man solche Lebensverweigerer von diesem wichtigsten Beruf fernhält und diejenigen, die darauf brennen, tätig und wirksam zu werden, anzieht.

Gute Lehrer müssen natürlich von ihren Fächern was verstehen. Aber viel mehr müssen sie vom Lernen der Kinder und Jugendlichen verstehen. Lernen können die Schüler ja nur selber. Und das wollen sie auch, zumindest solange sie noch nicht zur Schule gehen. Dann beginnt häufig das, was der große Didaktiker der Naturwissenschaften, Martin Wagenschein, Überwältigungspädagogik nannte. Auch wenn die Inhalte, der sogenannte Stoff, völlig korrekt sind, steht diese Überwältigungspädagogik dem Verstehen und Erkennen der Kinder im Weg, ja verdunkelt, wie Wagenschein meinte, die Welt. Diesen Schatten werfen Lehrer, die glauben, alles zu wissen, und nicht in der Lage sind, sich mit der Neugier und Begeisterungsfähigkeit der Kinder zu verbünden.

Ein guter Lehrer spricht wie Salman Ansari. ?Ich habe von den Schülern gelernt, dass es nicht nur eine Art des Lernens gibt.? Ansari ist promovierter Chemiker und wurde nach seiner Tätigkeit an der Universität Lehrer an der Odenwaldschule, an der auch schon Martin Wagenschein unterrichtet hatte. Ansari ist inzwischen pensioniert und mit Vorträgen über das Lerngenie der Kinder unterwegs. ?Selbst wenn zwei Menschen ein und dasselbe lernen, haben sie dafür unterschiedliche Wege?, lehrt er nun die Lehrer.

Wenn Lernen so individuell ist, so individuell wie die Liebe, dann ergibt sich daraus ein weiteres Argument dafür, dass gute Lehrer wirkliche Individuen sein müssen, keine Unterrichtsingenieure, die mit Lückentests und einem desinfizierten und in Klarsichtfolie eingewickelten Wissen die Neugierde vertreiben.

Genau darin unterscheiden sich gute Lehrer von den schlechten: Sie haben Respekt vor dem Wissen der Kinder. Denn Lernen knüpft ja immer an bereits erworbenem Wissen und schon eingeübten Fähigkeiten an. Jeder kommt mit seiner Wissensbiografie. Der gute Lehrer organisiert das Vorhandene neu und bietet erweiterte Interpretationen an. Das ist natürlich das Gegenteil des immer noch üblichen ?Stoffvermittelns?. Die Kunst der Lehrers, so Ansari, besteht darin, die vorhandenen Kompetenzen der Kinder zu kennen, vor allem sie anzuerkennen und dann gezielt anzuregen.

Ängstliche Lehrer ? und leider haben viele Lehrer Angst ? versuchen Wissen zu übertragen, als wäre es ein Kopiervorgang. Sie wollen instruieren, so wie man Ausführenden sagt, was sie zu tun haben. Oder sie weichen in ermüdendes Reden über die Dinge aus. Aber zu selten schaffen sie Gelegenheiten zum Erkennen und zum Verstehen. Dann stehen sie dem Lernen im Wege. Dieser Effekt wächst noch, wenn Lehrer unter Druck stehen, ein dichtes Pensum schaffen müssen.

Der Bundespräsident hat auf dem ?Weltkongress der Bildungsinternationale? die Lehrer gelobt. Sie seien Helden des Alltags. Das ist gut gemeint. Dass Lehrer Helden des Alltags werden, ist auch ein großes Ziel, für das sich zu kämpfen lohnt. Dass sie es bereits sind, ist übertrieben. Leider.
http://www.zeit.de/online/2007/30/gute-lehrer


Auch hier sind die Leserkommentare wieder interessant.

Doris
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"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson
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