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Studie - Wovon eine Empfehlung für das Gymnasium abhängt

 
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Doris Carnap
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BeitragVerfasst am: 13.09.2007, 16:07    Titel: Studie - Wovon eine Empfehlung für das Gymnasium abhängt Antworten mit Zitat

Zitat:
DIE ZEIT

Warum gut nicht immer besser ist

Bildungsforscher Ulrich Trautwein erklärt, wovon eine Empfehlung fürs Gymnasium abhängt

DIE ZEIT: Ihre neuesten Forschungsergebnisse zeigen, dass die Empfehlungen für durchschnittliche Schüler für den Übergang auf ein Gymnasium stark davon abhängen, ob sie zuvor in einer leistungsstarken oder leistungsschwachen Klasse waren. Was genau haben Sie untersucht?

Ulrich Trautwein: Wir hatten die Hypothese, dass bei vergleichbarer Schulleistung die Wahrscheinlichkeit, eine gymnasiale Empfehlung zu bekommen, umso geringer ist, je stärker die Leistungen der Klassenkameraden sind, mit denen man in der Grundschule gelernt hat. Wir haben in fast 50 Klassen Leistungstests durchgeführt, die Schulnoten erfragt sowie die Übertrittsempfehlungen und den Übertritt erfasst ? die Ergebnisse bestätigen unsere Vermutung.

ZEIT: Bei der Übertrittsempfehlung werden leistungsstarke Klassen also zum Nachteil?

Trautwein: Nicht nur in dieser Situation. Forscher haben in der Vergangenheit bereits negative Effekte leistungsstarker Klassenkameraden auf das Selbstbild und die Motivation von Schülern nachgewiesen. Man nennt dieses Phänomen auch den »Referenzgruppen-Effekt« ? Schüler vergleichen sich und ihre Leistung mit der ihrer Klassenkameraden, nicht aber mit der Leistung eines Durchschnittsschülers in ihrem Alter. Wer als ordentlicher Schüler in eine besonders leistungsstarke Klasse kommt, sieht sich deshalb plötzlich nur noch als unterer Durchschnitt ? mit allen Konsequenzen für Motivation und Lernfreude. Ein und dieselbe Aufgabe macht uns Menschen einfach mehr Spaß, wenn wir denken, dass wir sie besonders gut ? und besser als andere ? beherrschen.

ZEIT: Sollten Eltern ihr Kind besser nicht in eine leistungsstarke Klasse oder Schule schicken?

Trautwein: Nicht unbedingt. Die Entwicklung der Schulleistung verläuft in der Regel in einem anregenden Umfeld besonders positiv. Zu den Qualitätsmerkmalen gehört insbesondere ein guter Unterricht, aber auch eine günstige Zusammensetzung der Klasse. Leistungsstarke Klassenkameraden können hier ein Vorteil sein.

ZEIT: Aber wie wirken sich Referenzgruppen-Effekte auf die Übergangsempfehlung für die Sekundarschule aus?

Trautwein: Das Prinzip ist das gleiche; der Referenzgruppen-Effekt schlägt hier allerdings bei den Lehrern zu. Vereinfacht gesagt: Wenn Lehrer die Leistungen ihrer Schüler beurteilen, bringen sie diese in eine Reihenfolge. Die besten erhalten eine Eins, die schlechtesten eine Fünf, der Rest liegt dazwischen. Dieses Muster findet sich praktisch in jeder Klasse, in einer Eliteschule ebenso wie in einer Schule in einem Problemkiez. Im Mittel liegt der Notendurchschnitt in allen Klassen deshalb in ähnlicher Höhe, auch bei sehr unterschiedlichen Durchschnittsleistungen. Und die Noten wiederum sind es, die die Grundlage der Übertrittsempfehlung sind.

ZEIT: Und warum legen die Lehrer keine objektiven Standards bei den Noten an?

Trautwein: Viele Lehrer können die Leistungen ihrer Schüler im Vergleich mit Schülern anderer Klassen nicht korrekt einschätzen. So gibt es nicht in allen Bundesländern systematische Vergleichsuntersuchungen, die den Lehrern Hinweise zum Leistungsstand ihrer Schüler liefern. Davon abgesehen haben wir es bei der Notenvergabe mit einem pädagogischen Dilemma zu tun. Noten haben zwei Funktionen: Zum einen geht es um eine Bewertung, durch die den Schülern bestimmte Möglichkeiten und Chancen gegeben oder eben verwehrt werden ? aus diesem Grund sollten die Leistungskriterien in allen Klassen identisch sein. Die andere Funktion der Noten ist eine pädagogische. Sie sollen Schüler bei ihren individuellen Leistungen unterstützen, motivieren und informieren, und da gibt man dann eben gute Noten mit gutem Grund auch mal dafür, dass sich ein Schüler ganz besonders angestrengt oder verbessert hat. Deshalb entsprechen Noten nicht immer dem objektiven Leistungsstand eines Schülers. Beide Funktionen der Notengebung unter einen Hut zu bekommen ist äußerst schwierig.

ZEIT: Und so gibt es dann letztlich ungerechte Entscheidungen?


Trautwein: ?und Tränen der Enttäuschung bei den Eltern, wenn ihr Kind nicht die gewünschte Empfehlung erhält.

ZEIT: Welche Konsequenzen sollte man aus Ihren Befunden ziehen?

Trautwein: Wenn es uns wichtig erscheint, dass die Übertrittsempfehlung möglichst gerecht ist und in erster Linie auf Leistungskriterien basiert, brauchen wir neben den Schulnoten eine Batterie von standardisierten Tests mit einer hohen Verlässlichkeit, die von allen Schülern vor dem Übertritt zu bearbeiten sind. Das ist nicht ganz billig, erhöht den Leistungsdruck und könnte dazu führen, dass zu viel Unterrichtszeit für das Training der Testaufgaben verwendet wird.

ZEIT: Gibt es bessere Alternativen?

Trautwein: Natürlich kann man die Mehrgliedrigkeit abschaffen. Damit würde auch das Übertrittsverfahren obsolet.

ZEIT: Das wird aber nicht passieren.

Trautwein: Teile der Politik, die Gymnasiallehrer und ein bedeutender Teil der Elternschaft wollen zumindest das Gymnasium behalten. Die Logik, dass man in homogenen Lerngruppen besonders gut lernen kann, ist auch nicht völlig von der Hand zu weisen. Deshalb ist es auch wichtig, die negativen Konsequenzen von Fehlplatzierungen so gering wie möglich zu halten.

ZEIT: Wie lässt sich das realisieren?

Trautwein: Tatsächlich hat sich da in den letzten Jahrzehnten viel getan. Der erste Übertritt in eine bestimmte Schulform legt nicht mehr fest, wo ein Schüler am Ende landet. Hauptschüler können einen mittleren Abschluss nachholen und Realschüler später immer noch das Abitur erwerben. Die Übertrittsempfehlung verliert somit den Charakter eines abschließenden Urteils; sie wird zur Prognose darüber, an welcher Schulform sich ein Schüler in den nächsten Jahren am besten entwickeln dürfte.

Das Gespräch führte Jeannette Otto

DIE ZEIT, 06.09.2007 Nr. 37

37/2007

http://images.zeit.de/text/2007/37/C-Interview-Trautwein

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"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson
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