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Neue OECD-Studie - Deutschland fällt weiter zurück

 
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Silke
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BeitragVerfasst am: 19.09.2007, 18:54    Titel: Neue OECD-Studie - Deutschland fällt weiter zurück Antworten mit Zitat

Hallo an alle,

laut einer neuen Studie der OECD fällt Deutschland im internationalen Vergleich weiter zurück, hier zwei Links dazu:

http://www.wiesbadener-kurier.de/po....t.php3?artikel_id=2975582

Zitat:
Während in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren die Anzahl der Studenten um fünf Prozent stieg, legten die 29 anderen wichtigsten Industrienationen diesbezüglich im Schnitt um 41 Prozent zu. Damit sackt Deutschland im weltweiten Bildungsvergleich vom 10. auf den 22. Rang ab.


Es geht also weiter bergab.

Zitat:
Derzeit erwerben in Deutschland 20 Prozent eines Jahrganges einen akademischen Abschluss. Im Jahr 2000 waren dies erst 14 Prozent. Weltweit stieg die Quote im selben Zeitraum jedoch von 20 auf 36 Prozent.


Sind die deutschen Schüler wirklich dümmer, als die Kinder anderer Nationen, oder verschläft unsere Politik wieder einmal die Zeichen der Zeit?

http://www.wiesbadener-kurier.de/po....t.php3?artikel_id=2975543

Zitat:
Wie schon bei der Pisa-Studie schlägt die OECD auch in einem anderem Punkt Alarm. Der Zusammenhang zwischen sozialem Hintergrund und Bildungserfolg sei in Deutschland zu stark ausgeprägt. "So ist der Anteil von Akademikerkindern an Hochschulstudenten 2,2 mal so hoch, wie es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht", heißt es in der Studie, verbunden mit dem Verweis auf die Eigenheiten des hiesigen Schulsystems. Kinder würden bereits mit zehn Jahren auf unterschiedliche Bildungswege verteilt. Wer aus einer benachteiligten Familie komme, werde dabei eher auf einen Bildungsweg geleitet, "der eine geringe Leistung erwarten lässt". Nur 16 Prozent der Studienanfänger seien "Arbeiterkinder".


Immer und immer wieder wird auf diesen Schwachpunkt des deutschen Bildungssystems hingewiesen, trotzdem ändert sich nichts. Ich frage mich wirklich, warum nicht endlich etwas getan wird?

Viele Grüße
Silke
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Einen Menschen erziehen heißt, ihm zu sich selbst verhelfen (Peter Altenberg)
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Doris Carnap
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BeitragVerfasst am: 20.09.2007, 07:06    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Silke.

die jährliche OECD Studie "Bildung auf einem Blick" war gestern auch Thema in der FR.

Interessant ein Interview mit Ute Erdsiek- Rave:

Zitat:
OECD-Bildungsstudie
"Reformen gibt es nicht auf Knopfdruck"
Ute Erdsiek-Rave (SPD), Bildungsministerin der großen Koalition in Schleswig-Holstein, im FR-Interview über die OECD-Bildungsstudie.

Die OECD hat dem deutschen Bildungssystem erneut schlechte Noten gegeben. Nervt Sie das langsam?

Im Gegenteil, jede Kritik ist ein weiterer Ansporn, das System zu verbessern.

Warum brauchen Politikerinnen und Politiker in Deutschland so lange, die bekannten Missstände zu beheben?

Bildung ist ja nicht nur Sache von Politikern, Bildungspolitik braucht eine breite Basis, zu der Lehrer und Schüler genauso gehören wie Eltern. Nur dann kann sie erfolgreich sein. Im Übrigen haben wir in Schleswig-Holstein mit dem neuen Schulgesetz die richtigen Weichen gestellt, um die Bildungs- und Beteiligungschancen zu verbessern.

Warum wird hierzulande immer noch vergleichsweise wenig für Bildung ausgegeben, während andere Länder bereits die Bildungs-Dividende einstreichen?

Natürlich hat Bildung Priorität, aber wir dürfen trotz alledem nicht die prekäre Lage der öffentlichen Haushalte außer Acht lassen.

Was muss noch geschehen, bis Politiker finanzielle und strukturelle Defizite endlich so beseitigen, damit es endlich gute Zensuren von der OECD gibt?

Zunächst einmal: die Datenbasis für den jetzt vorgelegten Bericht ist ja von 2004 und 2005. Generell gilt, Reformen in der Bildungspolitik gibt es nicht auf Knopfdruck, Resultate brauchen Zeit.

Welche Initiativen müssen gestartet werden, um Kindergärten, Schulen und Universitäten weiter nach vorne zu bringen?

Es ist schon einiges geschehen: Bildungsstandards und Vergleichsarbeiten gehören heute ebenso dazu wie Bildung im Kindergarten und die Förderung von Migrantenkindern. Mit seinem neuen Schulgesetz hat Schleswig-Holstein außerdem konsequent die individuelle Förderung aller Kinder in den Mittelpunkt gerückt und mit Regional- und Gemeinschaftsschulen auch den von der OECD gewünschten Ansatz des längeren gemeinsamen Lernens bundesweit vorbildlich verwirklicht.

Hat die Föderalismus-Reform dem Bildungssystem geschadet oder genutzt?

Nach der Reform hat jedes einzelne Bundesland eine noch stärkere Verantwortung. Das gilt zugleich auch für die KMK (Kultusministerkonferenz, Anm. d. Red.) als Ebene, auf der koordiniert wird. Es kommt jetzt darauf an, die Abschlüsse gleichwertig zu halten, dazu dienen ja die Standards. Die Mobilität von Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden zu erhalten ist eine große Herausforderung an die KMK.

Nach den OECD-Ergebnissen müsste der Nachwuchs auswandern. Können Sie als sozialdemokratische Bildungsministerin, ehemalige Lehrerin und Mutter eines Sohnes das hiesige Bildungssystem den Eltern und Kindern noch empfehlen?

Natürlich, auch wenn es immer noch etwas zu verbessern gibt. Aber die OECD hat ja auch festgestellt, dass der Bildungsstand in Deutschland insgesamt überdurchschnittlich hoch ist.

Interview: Andreas Schwarzkopf
http://www.fr-online.de/in_und_ausl....g/aktuell/?em_cnt=1212524


OECD-Bildungsstudie: Deutschland fällt zurück http://www.fr-online.de/in_und_ausl....g/aktuell/?em_cnt=1212522
OECD-Bildungsstudie: Den Mittelstand trifft es härter
http://www.fr-online.de/in_und_ausl....g/aktuell/?em_cnt=1212523
Kommentare: Traurige Bildungsbilanz
http://www.fr-online.de/in_und_ausl....ommentare/?em_cnt=1212469
Zitat:
Fünf Prozent mehr junge Menschen als noch 1995 studieren heute - verglichen mit dem Ausland aber ist das nur ein winziger Sprung. Vorher werden sie kräftig ausgesiebt, weil sich hier zu Lande der Gedanke, ein Studium sei nur einer kleinen elitären Gruppe vorbehalten, nachhaltiger hält als dieser: Wir brauchen jeden.
[...]
Der Fokus hat auf den Schulen zu liegen. Dass starke wie schwache Schüler gleichermaßen zu fördern sind und wir Lehrer brauchen, die Lust auf Mathe, Bio und Technik schon bei den Kleinsten wecken - auch das lässt sich zwischen den Zeilen der Studie lesen.

Die Vorstellung "ein Studium sei nur einer kleinen elitären Gruppe vorbehalten", ist so weit verbreitet, sitzt so tief in den Köpfen vieler Menschen und besonders viele Lehrer denken so, deswegen ist erst ein Umdenken nötig.

Rainer Domisch berichtete aus Finnland, dass es dort eine grundlegende Reform deswegen gegeben hat, weil man parteiübergreifend überzeugt war, dass etwas verändert werden muss. Von einer derartigen Einigkeit sind wir noch weit entfernt.

Bildungsmisere: Lehrer in Deutschland älter als in anderen Industrieländern
http://www.fr-online.de/in_und_ausl....g/aktuell/?em_cnt=1212919

Ich denke, nicht das Alter der Lehrer ist entscheidend, sondern dass manche Lehrer demotiviert sind, sich eigentlich schon mental im Ruhenstand befinden und sich von den Kids und den Eltern nur noch genervt fühlen.

Doris
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Doris Carnap
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BeitragVerfasst am: 21.09.2007, 07:57    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,
hier noch mal ein älterer Beitrag aus der Zeit, den ich passend zum Thema finde.
Zitat:
DIE ZEIT

»Das Geld versickert«

Ein Gespräch mit dem Bildungsökonomen Ludger Wößmann über Verschwendung im Schulsystem, Anreize für gute Lehrer und das Interesse der Wirtschaft an Gerechtigkeit

DIE ZEIT: »Bildungsökonom« ? viele werden das Gesicht verziehen, wenn sie den Begriff lesen. Ist es moralisch vertretbar, dass sich die Knechte des Marktes der hehren Bildung annehmen?

Ludger Wößmann: Ökonomen sind keine Monster, auch wenn uns einige Pädagogen und Altphilologen so sehen mögen ? aber die haben den Humanismus und »das Gute« nicht gepachtet. Auch wir machen uns Gedanken darüber, wie man die Lage der Menschen verbessern kann ? gerade der Menschen, denen es am schlechtesten geht.

ZEIT: Welche Gedanken macht sich ein Bildungsökonom?

Wößmann: Zum einen beschäftigt mich der Einfluss der Bildung auf das Wirtschaftswachstum: Was kann in der Schule getan werden, um einen hohen Lebensstandard für alle zu sichern? Zum anderen, wie das Bildungssystem nach ökonomischen Maßstäben verbessert werden kann. Wir leben nicht im Schlaraffenland, die Ressourcen sind immer begrenzt. Wie können sie am wirkungsvollsten eingesetzt werden?

ZEIT: Ist es sinnvoll, Bildung nur durch die Brille der Ökonomie zu betrachten?

Wößmann: Nicht nur, sondern auch.

ZEIT: Was haben Schulen und die Schüler davon?

Wößmann: Eine ganze Menge. Wenn wir nachweisen ? und dafür haben meine Kollegen und ich überwältigende Belege gefunden ?, dass Bildung ein wichtiger Schlüssel für das Wirtschaftswachstum ist, dass Bildung vor Arbeitslosigkeit schützt und mehr Verdienst verspricht, dann wächst die Lobby für gute Schulen und Universitäten. Auch die Unterprivilegierten finden einen starken Verbündeten in der Wirtschaft.

ZEIT: Inwiefern?

Wößmann: Die Pisa-Studie hat gezeigt, dass ein knappes Viertel der 15-Jährigen nicht richtig lesen und rechnen können, die stehen dem Arbeitsmarkt nur eingeschränkt zur Verfügung. Gleichzeitig leiden viele Unternehmen schon jetzt unter einem Mangel an Fachkräften. Die Wirtschaft wird also Druck auf die Politik ausüben und selbst aktiv werden, um dieses Problem in den Griff zu bekommen.

ZEIT: Worauf achtet ein Ökonom, wenn er das Schulsystem betrachtet?

Wößmann: Das Schlüsselwort heißt »Anreize«. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Steven Landsburg hat das hübsch formuliert: »Der Großteil der Ökonomie kann in vier Worten zusammengefasst werden: ?Menschen reagieren auf Anreize.? Der Rest ist Kommentar.«

ZEIT: Was heißt das für die Schulen?

Wößmann: Auch da gilt: Menschen ziehen Dinge, die ihnen lieber sind, anderen Dingen vor, die ihnen weniger angenehm sind. Die erste Frage lautet also: Wie muss das Bildungssystem gestaltet werden, damit alle Beteiligten Anreize haben, zum Lernen der Schüler ? denn das ist das »Kerngeschäft« ? beizutragen? Die zweite Frage ist die nach der effizienten Nutzung der Ressourcen.

ZEIT: Was haben Sie dazu herausgefunden?

Wößmann: Mehr Geld macht die Schulen nicht unbedingt besser.

ZEIT: Wie kommen Sie darauf?

Wößmann: Ich habe die Bildungsausgaben verschiedener Staaten mit den Leistungen der Schüler in der Pisa-Studie verglichen ? es gibt keinen Beleg dafür, dass Länder, die mehr für die Bildung ausgeben, bessere Leistungen vorweisen. Die ostasiatischen Staaten liegen mit ihren Ausgaben eher im Durchschnitt, mit den Leistungen aber immer an der Spitze. Die USA hingegen investieren relativ viel Geld, ihre Schüler schneiden aber nur mittelmäßig ab. Auch Studien, die Leistungen innerhalb der Länder untersuchen, finden keine Belege für positive Effekte höherer Ausgaben.

ZEIT: Das wird die Kultusminister freuen.

Wößmann: Die Finanzminister vielleicht; die Kultusminister sollte es eher beunruhigen.

ZEIT: Weshalb?

Wößmann: Weil die gedanklich simple Lösung, mehr Geld in das Bildungssystem zu pumpen, nicht funktioniert. Es schafft keine neuen Anreize, etwas besser zu machen. Das Geld versickert einfach in einem ineffizienten System.

ZEIT: Eltern und Lehrerverbände fordern regelmäßig die Einstellung von mehr Pädagogen und kleinere Schulklassen. Da wäre mehr Geld doch gut angelegt.

Wößmann: Diese Investitionen sind beliebt, haben aber ? so zeigen zahllose Studien ? kaum einen Effekt.

ZEIT: Aber in Klassen mit weniger Schülern, das sagt einem der gesunde Menschenverstand, kann doch besser unterrichtet werden.

Wößmann: Könnte vielleicht, wird aber nicht. Vielleicht würde sich etwas ändern, wenn etwa der Unterrichtsstil geändert würde. Dann müsste man Lehrer belohnen, die besser unterrichten. Wenn man dazu mehr Geld braucht, wäre das sinnvoll investiert. Aber einfach die Klassen zu verkleinern kostet nur Geld.

ZEIT: Im Englischunterricht, das haben Studien gezeigt, hat die Klassengröße einen Einfluss auf die Schülerleistungen.

Wößmann: Ja, vermutlich gilt das auch für Förderunterricht und zu Beginn der Grundschule. Aber im Durchschnitt aller Klassen und Fächer gilt es eben nicht. Nur in einem Bereich sind derzeit größere Investitionen sinnvoll, weil sie etwas bewirken: beim Ausbau der frühkindlichen Förderung, insbesondere für Kinder aus benachteiligten Familien.

ZEIT: Sie sprachen von Anreizen. Werden unsere Lehrer gut genug bezahlt?

Wößmann: Im internationalen Vergleich sogar sehr gut. Das ist also nicht das Problem.

ZEIT: Sondern?

Wößmann: Der fehlende Anreiz, besser zu werden. Gute und einsatzbereite Lehrer oder jene, die Zusatzaufgaben übernehmen, bekommen nicht mehr Geld als ihre faulen oder unfähigen Kollegen. In Finnland etwa verdienen die Lehrer ein Drittel weniger als bei uns. Aber für Zusatzaufgaben und gute Leistungen bekommen sie Zulagen. Hierzulande werden die guten Lehrer bestraft und die faulen belohnt. Das kann nicht funktionieren.

ZEIT: Sind Sie noch auf andere Fehlinvestitionen gestoßen?

Wößmann: Hinterfragen muss man die Millionen, die in die Computerausstattung der Schulen geflossen sind. Es ist ein Irrglaube, anzunehmen, dass die Nutzung von Computern zu Hause und in der Schule zu besseren Leistungen führt. Meine Studien zeigen das Gegenteil: Wer zu oft am Computer sitzt, lernt sogar schlechter.

ZEIT: Die Wirtschaftsorganisation OECD, die die Pisa-Studie initiiert hat, behauptet etwas anderes.

Wößmann: In der Tat zeigen Schüler, die intensiv Computer nutzen, oft bessere Leistungen als ihre Mitschüler. Die stammen aber häufig aus bildungsfördernden Familien und gehen auf privilegierte Schulen. Wenn man den sozialen Hintergrund mit betrachtet, bringen Computer ? zumindest so, wie sie jetzt genutzt werden ? nichts für die Schülerleistung.

ZEIT: Sollte man also die Computer aus den Schulen verbannen?

Wößmann: Nein. Man sollte den Schulen nur nicht jede Mode aufzwingen, sondern neue Mittel und Methoden zunächst auf ihre Wirksamkeit hin untersuchen. Derzeit wird zum Beispiel der Fremdsprachenunterricht in den Grundschulen forciert. Aber keiner weiß, wie sich das wirklich langfristig auf die Leistungen auswirkt.

ZEIT: Was würden Sie am Schulsystem ändern, damit die Schüler besser lernen?

Wößmann: Es muss mehr Anreize für gute Lehrer und Schulen geben. Dazu muss klar sein, wer für eine Leistung verantwortlich ist, nur dann können Belohnungen und Sanktionen wirken. Deshalb halte ich neben mehr Frühförderung vor allem zwei institutionelle Reformen für nötig: Erstens sollte der Staat nur die Ziele vorgeben, zum Beispiel, was die Schüler am Ende der neunten Klasse können müssen, und mit Tests und zentralen Prüfungen das Erreichen dieser Ziele kontrollieren. Den Weg dahin sollte jede Schule autonom bestimmen, auch wofür sie Geld ausgibt und welche Lehrer sie einstellt. Wichtig ist dieser Dreiklang: staatliche Zielvorgabe ? Schulautonomie ? externe Kontrolle.

ZEIT: Schulautonomie allein reicht nicht?

Wößmann: Viele Studien zeigen, dass Autonomie ohne Kontrolle oftmals sogar zu schlechteren Leistungen führt.

ZEIT: Und die zweite institutionelle Reform?

Wößmann: Am besten schneiden die Länder ab, in denen der Staat nur die Finanzierung übernimmt, sich die Schulen aber in privater Trägerschaft befinden.

ZEIT: Das Pisa-Musterland Finnland hat aber ein staatliches Schulwesen.

Wößmann: Und in Holland, das bei Pisa nicht signifikant schlechter abschneidet als Finnland, gehen drei Viertel der Schüler auf privat geleitete Schulen ? die alle staatlich finanziert sind. Systematische Antworten bekommen wir also nur, wenn wir alle Pisa-Länder miteinander vergleichen und gleichzeitig andere Effekte berücksichtigen.

ZEIT: Schulen zu privatisieren ist in Deutschland wohl eher eine utopische Forderung.

Wößmann: Sie sollen ja nicht von Discountern übernommen werden. Die meisten Privatschulen heute sind kirchliche Schulen. Man sollte zumindest darüber nachdenken. Als Wissenschaftler kann ich nur die Ergebnisse meiner Studien auf den Tisch legen und Vorschläge machen.

ZEIT: Müssen wir die Schulstruktur ändern?

Wößmann: Auf jeden Fall, das habe ich erst kürzlich für Deutschland nachgewiesen, ist die Bildungsungerechtigkeit größer, je früher die Schüler auf verschiedene Schularten aufgeteilt werden. Arbeiterkinder lernen weniger als Oberschichtkinder, auch wenn sie genauso intelligent und fähig sind. Das ist moralisch verwerflich und ökonomisch unvernünftig.

ZEIT: Wären denn Gesamtschulen besser?

Wößmann: Nicht die deutsche Gesamtschul-Spezies, die zusätzlich neben die selektiven Schularten gestellt wurde. Aber die Kinder länger in einer gemeinsamen Schule zu unterrichten funktioniert in anderen Staaten gut. In Deutschland sollte man die Kinder nicht schon nach der vierten Klasse auf verschiedene Schularten aufteilen und die Zahl der Schulformen reduzieren.

ZEIT: Was halten Sie von dem Vorhaben, mehr Ganztagsschulen einzuführen?

Wößmann: Das mag eine sozialpolitisch sinnvolle Maßnahme sein. Mir ist aber keine Studie bekannt, die überzeugend zeigt, dass Ganztagsschulen zu besseren Schulleistungen führen. Hier warne ich vor allzu viel Optimismus.

Die Fragen stellte Thomas Kerstan

DIE ZEIT, 14.06.2007 Nr. 25
http://images.zeit.de/text/2007/25/C-Interview-Woessmann

Von Ludgar Wößmann ist gerade ein Buch erschienen: Letzte Chance für gute Schulen
http://www.amazon.de/Letzte-Chance-....qid=1190357507&sr=1-1

Doris
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Doris Carnap
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BeitragVerfasst am: 21.09.2007, 08:12    Titel: Antworten mit Zitat

Auch interessant diese Meldung aus der Frankfurter Rundschau vom 20. September:

Zitat:
URL: http://www.fr-online.de/in_und_ausl....k/aktuell/?em_cnt=1213146

Ingenieure aus dem Ausland
Beschluss des Kabinetts

Berlin. Als Reaktion auf den Fachkräftemangel hat die Bundesregierung am Mittwoch beschlossen, den Arbeitsmarkt für Ausländer stärker zu öffnen. Vom 1. November an sollen Maschinen- und Fahrzeugbau- sowie Elektroingenieure aus den mittel- und osteuropäischen EU-Beitrittsstaaten leichter nach Deutschland kommen können. Die Verordnung von Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD), die das Kabinett billigte, bedarf nicht der Zustimmung des Bundesrats.

Die Arbeitsagenturen müssen somit nicht mehr prüfen, ob für ihre Stelle auch ein deutscher Bewerber in Frage käme. Diese Vorrangprüfung entfällt auch für ausländische Absolventen einer deutschen Hochschule, um ihnen unabhängig von ihrer Studienrichtung den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Über diesen Beschluss hinaus dringt Müntefering darauf, ein Punktesystem für ausländische Fachkräfte einzuführen. Ziel ist demnach ein langfristiges Konzept, um die Zuwanderung von Arbeitskräften zu steuern. rtr


Hier ein Auszug aus meinem Leserbrief zur OECD Studie- "Ingenieure Mangelware" vom Mai 2000:
Zitat:
Das ?Berufsbild Lehrer? ist der Maßstab für die benötigten Fähigkeiten in der Schule und damit für manchen sehr begrenzend. Die Fähigkeiten, die heute im Berufsleben gefragt sind, sind aber dem Berufsbild entsprechend meistens ganz andere. Es werden Kreativität, Flexibilität und Entscheidungsfreude benötigt. Die visuellen Lerner haben ein ganz eigenes Begabungsprofil. Diejenigen mit besonderen Stärken im ?räumlichen Sehen?, hätten das Zeug für ein Ingenieurstudium. Sie wären die Ingenieure, die uns laut OECD Bericht jetzt fehlen, wenn man sie nicht frühzeitig aussortiert hätte.

So nützt es wenig, die Schulleistungen von Bundesland zu Bundesland zu vergleichen, wenn die internationalen Vergleichsstudien uns nur Mittelmaß nachweisen. In unsere Schulen haben weder die Erkenntnisse der Reformpädagogik vom Anfang des letzten Jahrhunderts noch die Erkenntnisse der Hirnforschung Einzug gehalten. Auch eine Diskussion darüber, was lernen in der Wissensgesellschaft bedeutet findet auf Schulebene nicht statt. Angst vor Neuem und eine Abneigung gegen Veränderungen ist hier auffällig und so werden seit Jahren die Erkenntnisse der internationalen Forschung ignoriert und somit jede Reform blockiert. Die sinnlose Vergeudung von Ressourcen ist das eigentliche Drama in diesem Land, denn der volkswirtschaftliche Schaden ist erheblich.

Auch sieben Jahre später wird weiter gnadenlos aussortiert! Immerhin wird in der Zwischenzeit darüber diskutiert.

Doris
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Doris Carnap
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BeitragVerfasst am: 21.09.2007, 11:21    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Bildungsforscher
Jeder vierte Lehrer nicht berufstauglich

Düsseldorf (ap) Ein Viertel aller Lehrer in Deutschland ist nach Ansicht des Bildungsforschers Klaus Hurrelmann wegen fehlender Fortbildungen mit dem Job überfordert. Etwa die Hälfte der älteren Pädagogen über 50 Jahren nehme nicht an Fortbildungen teil und stehe deshalb nicht auf dem neuesten Stand der gesellschaftlichen und technischen Entwicklung, sagte der Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld der "Rheinischen Post". "Diese Lehrer verlieren den Kontakt zu ihren Schülern, werden ihnen nicht mehr gerecht und oft nicht mehr ernstgenommen."

Das erzeuge ein Gefühl von Überforderung und Ausgebranntsein, sagte Hurrelmann. Die Überforderung vor allem der älteren Pädagogen sei Hauptursache für die außerordentlich hohe Zahl an Frühpensionierungen. Zur Sicherung der Unterrichtstauglichkeit älterer Lehrer fordert der Sozialwissenschaftler verpflichtende Fortbildungen. Zudem könnten ältere Lehrer, die mit dem Unterricht überfordert seien, als Pausenaufsicht oder in der Verwaltung eingesetzt werden.

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Laut Statistischem Bundesamt sind deutsche Lehrer im Durchschnitt deutlich älter als ihre Kollegen im Ausland. So ist etwa mehr als die Hälfte der Pädagogen in den Grundschule über 50 Jahre alt.

Der Deutsche Lehrerverband reagierte mit heftiger Kritik auf die Äußerungen Hurrelmanns. "Wenn ein so genannter Bildungsforscher solche Urteile in die Welt setzt, dann hat das nichts mehr mit Wissenschaft, sondern mit Stammtischniveau zu tun", erklärte Verbandspräsident Josef Kraus. Es gebe eine Fortbildungspflicht für Lehrer, die auch eingelöst werde. Gerade viele Lehrer über 50 seien Leistungsträger der Schulen. "Ohne deren Erfahrung und Engagement wären Schulbetrieb und Schulinnovation nicht zu leisten", betonte Kraus.

Hurrelmann begebe sich "auf die Ebene des Geredes mancher Politiker, die um eines billigen Beifalls willen Lehrer pauschal auch schon als 'faule Säcke' oder 'faule Hunde' bezeichnet hatten", kritisierte er. In keinem anderen Land der Welt erlaubten sich Politiker und Wissenschaftler solche Äußerungen über Lehrer. "Deshalb ist die Arbeit der Lehrerschaft dort auch einfacher, denn die Lehrerschaft genießt dort einen größeren Rückhalt in der Gesellschaft, als dies in Deutschland der Fall ist."
http://www.fr-online.de/in_und_ausl....g/aktuell/?em_cnt=1213653

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