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Wer wird Lehrer?

 
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Doris Carnap
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BeitragVerfasst am: 26.01.2008, 11:33    Titel: Wer wird Lehrer? Antworten mit Zitat

Hallo,

eine Untersuchung, wer in Deutschland Lehrer wird, brachte interessante Ergebnisse:

Zitat:
Lehrer ohne Motivation
Burn-out? Viele Lehrer brannten nie

Eine Studie über Lehramt-Studenten ergab: Die besten Studenten steigen aus, die faulsten werden Pauker. Abhilfe können nur Reformen an den Universitäten schaffen. VON CHRISTIAN FÜLLER
Was Professor Udo Rauin zu sagen hat, wird den deutschen Lehrern nicht gefallen. Denn ausgerechnet die Berufsgruppe, die am häufigsten in den vorzeitigen Ruhestand tritt, rückt der Forscher
nun in ein völlig neues Licht. "Die über besondere Belastungen Klagenden haben vermutlich nie 'gebrannt'." Rauins Befund ist das Ergebnis einer Langzeitstudie, die 1.100 Probanden über viele Jahre untersucht hat. Dabei kam heraus: 60 Prozent der Lehrer, die sich besonders belastet fühlen, "waren schon im Studium überfordert und wenig engagiert".
Was der Frankfurter Lehrerforscher zusammen mit seinem Kollegen Andreas Gold herausgefunden hat, ist ein weiterer Baustein bei den Katastrophenmeldungen über Lehrer. Von Studie zu Studie wird die Vermutung zur Gewissheit: Die falschen Studierenden wählen den Job, die Besten steigen früh aus dem Studium aus, und von denen, die in den Klassenzimmern ankommen, sind sehr viele sehr schnell überlastet
Rauin hat bei 1.100 untersuchten Studierenden des Lehramts bittere Wahrheiten ermittelt. Die Studienwahl für den Lehrerberufs entspricht, überspitzt formuliert, einer Auslese der Schlechtesten und Faulsten. Ein Drittel der Lehrerstudenten, die das Studium in diesem wichtigen Beruf wieder aufgeben, wählen nicht etwa aus Unfähigkeit die Exit-Strategie. Nein, sie tun es, weil sie - so Rauin - "sich von den fachlichen Anforderungen des Lehramtsstudiums unterfordert fühlen". Ein Viertel der Lehramtsstudenten empfindet das Studium ohnehin als Notlösung.
Viele von denen, die im Studium bleiben, sind dann eine sehr spezielle Klientel. Rauin formuliert es so: "Nicht nur 'geborene Erzieher' drängen ins Lehramt, sondern oft auch Pragmatiker und Hedonisten." Pragmatiker seien dabei jene, die in der Nähe des Heimatortes bleiben wollen, die auf ein überschaubares Studium hofften, die einen sicheren und familienfreundlichen Arbeitsplatz suchten. Hedonisten sind solche Lehrer, die "kein schwieriges Studium" wünschten und "ihren Hobbys weiter nachgehen wollen".
Die Folgen für die Schule und den Unterricht sind gar nicht recht einzuschätzen. Über die Hälfte der jungen Lehrer, die den Beruf auch tatsächlich aufnehmen, fühlen sich dafür nicht geeignet. Forscher Rauin versucht zu differenzieren. Viele hielten sich für ungeeignet, "weil sie in den ersten Berufsjahren mit dem, was sie bisher gelernt haben, noch nicht tatsächlich für den Beruf qualifiziert sind: Das bedeutet aber noch nicht, dass sie nun wirklich alle ungeeignet sind." Allerdings gebe es eine kritische Größe von einem Drittel der Studierenden und junger Lehrer, "die sowohl aufgrund ihrer persönlichen als auch fachlichen Voraussetzungen" kritisch zu beurteilen seien. Sein Kollege Gold sagte, es dürfe nicht weiter der Fall sein, dass die einzelnen Phasen des Lehrerstudiums gegeneinander arbeiteten. In manchem Studienseminar bekomme man gesagt: "Vergesst mal, was ihr an der Uni gehört habt!"
Nun ist das Geschrei wieder groß. Sogar der freie zusammenschluss der studierenden (fzs), der sich bislang nicht besonders um Lehrerstudenten kümmerte, ist besorgt. "Didaktische Fähigkeiten werden Lehrern meist nur in der Theorie gelehrt", sagte Imke Buß vom Vorstand des fzs, "Schulpraxis können die Studierenden nur im Praktikum schnuppern." Sie fordert, die Lehrerbildung schnell zu reformieren.
Die Professoren reagierten beinahe fatalistisch auf die Unfähigkeit der Kultusminister beim Lehrerstudium. "Von mir werden sie keine weiteren Reformvorschläge zu hören bekommen", sagte Andreas Gold. Und Udo Rauin riet dringend, "angehenden LehrerInnen schon früh, möglicherweise auch verpflichtend, Hilfestellung und Rückmeldung anzubieten". Es sei auch nötig, den Lehrerstudierenden zu helfen, "die eigenen Ressourcen besser einzuschätzen". http://www.taz.de/1/zukunft/wissen/....c=SZ&cHash=fb375b664c

Zwei weitere Beiträge zum Thema:
Lehrerberuf: Warum Studierende oft die falsche Wahl treffen Ein Interview mit den Bildungsexperten Prof. Dr. Andreas Gold und Prof. Dr. Udo Rauin
http://www.muk.uni-frankfurt.de/Pub...._Studium_wenig____12_.pdf

Und ein Beitrag von Prof. Dr. Udo Rauin: Im Studium wenig engagiert ? im Beruf schnell überfordert
http://www.muk.uni-frankfurt.de/Pub....3-07/Lehrerberuf__18_.pdf

Doris
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Zuletzt bearbeitet von Doris Carnap am 03.02.2008, 14:29, insgesamt einmal bearbeitet
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Doris Carnap
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BeitragVerfasst am: 03.02.2008, 14:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

eine Meldung aus der Frankfurter Rundschau. Was da genau passiert ist, wäre interessant zu erfahren. Hat der schlecht bewertete Lehrer wirklich mit einer Bluttat gedroht oder war die Aussage in einem eher übertragenem Sinne gemeint.

Zitat:

Lehrer droht mit Bluttat
40-Jähriger in Ingolstadt festgenommen

Ingolstadt. In einer Ingolstädter Schule ist ein angehender Lehrer festgenommen worden, der mit einer Bluttat gedroht hatte. Der Referendar hat sich laut Staatsanwaltschaft über die schlechte Bewertung seines Unterrichts geärgert und einen Anschlag auf seinen Ausbilder angekündigt. Der Mann sitze in Untersuchungshaft. Ihm werden versuchte Nötigung und Bedrohung vorgeworfen.

Laut Polizei hatte der 40-Jährige befürchtet, wegen einer schlechten Note auf den Praxisteil seiner Ausbildung später nicht als Lehrer arbeiten zu können. In der Besprechung mit seinem Betreuungslehrer soll er gesagt haben: "Es wird Blut fließen!" Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Drohung ernst gemeint war. dpa http://fr-aktuell.de/in_und_ausland/magazin/?em_cnt=1281682


Das schreibt der Tagesspiegel: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/Schule;art1117,2468026

Das die Passauer Neue Presse: http://www.pnp.de/nachrichten/artik....amp;Ressort=bay&BNR=0

Doris
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Doris Carnap
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BeitragVerfasst am: 07.02.2008, 11:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

wenn man diese Diskussion verfolgt, kann man doch nur hoffen, dass es in Zukunft Eignungstests geben wird!

http://www.lehrerforen.de/thread.php?threadid=16515

Doris
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Doris Carnap
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BeitragVerfasst am: 07.02.2008, 13:02    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

aber auch am Referndariat muss unbedingt etwas geändert werden:
Zitat:
Der Klassenkampf

Nicht nur Schüler sehnen die nächste Pause herbei. Auch junge Lehrer im Referendariat erleben die Schule als Härtetest. Einblick in eine Welt im Ausnahmezustand.


Von Maren Söhring

Dass es zwei harte Jahre werden würden, hatte Achim Werner, 29, vorher gewusst. Doch auf permanente 80-Stunden-Wochen war er nicht vorbereitet: »Ich bin Single, habe keine Kinder und schaffe es gerade mal eben so. Ich weiß nicht, wie andere das machen«, sagt er. »Die Arbeit ist mit Abstand das Anstrengendste und Anspruchsvollste, was ich bisher erlebt habe.«

Werner ist kein Unternehmensberater. Er ist Lehrer. Im August 2006 begann er sein Referendariat mit den Fächern Englisch und Erdkunde mit bilingualem Schwerpunkt an einem Leverkusener Gymnasium. Seitdem ist er im Dauerstress: Von acht bis eins ist er in der Schule. Von drei Uhr nachmittags bis elf Uhr abends sitzt er zu Hause am Schreibtisch. Mindestens. »Man braucht ein gutes Zeitmanagement und einen Ausgleich«, sagt Werner.

Dreimal in der Woche geht er ins Fitnessstudio. Früher hat er mit Freunden Fußball oder Basketball gespielt und als Alleinunterhalter gearbeitet. Dafür fehlt ihm jetzt die Zeit. Freunden und Bekannten kann er sein enormes Arbeitspensum oft nur schwer nahebringen: »Jeder war mal Schüler und denkt, der Lehrer steht vorn und stellt ein paar Fragen. In Wirklichkeit ist Unterrichten aber eine hochkomplexe Angelegenheit.« Für jede Stunde müssen die Referendare ein komplettes Drehbuch schreiben, Lernziele formulieren, Methoden auswählen, Arbeitsblätter entwerfen, Unvorhersehbares erahnen, Alternativen vorbereiten. »Wer nicht schnell und konzentriert arbeitet, ist verloren«, sagt Werner.

So wie dem 29-Jährigen geht es den meisten der knapp 45 000 Lehramtsreferendare in Deutschland. Zwar sind die Anforderungen je nach Schulform, Fach und Bundesland äußerst unterschiedlich, doch eins ist überall gleich: Fast alle jungen Lehrer sind während ihrer praktischen Ausbildung chronisch überlastet; von einem Tag auf den anderen müssen sie den Schülern in den Klassen Respekt einflößen und bei den Kollegen im Lehrerzimmer Anschluss finden.

Sie sollen ihren eigenen Unterrichtsstil entwickeln und in den sogenannten Lehrproben vor den Beurteilern wahre Zauberstunden abliefern. »Im Alltag kann kein Lehrer die perfekte Stunde unterrichten, doch die Referendare sollen das leisten«, sagt der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft Verband für Bildung und Erziehung, Ludwig Eckinger. Mit vertretbarem Aufwand sei das kaum zu machen. »Manch einer ist fertig, bevor er fertig ist«, klagt Eckinger. Nachmittags sitzen die Referendare dann in Fach- und Hauptseminaren, halten Referate und schreiben ihre Abschlussarbeit. Und bei alldem werden sie ständig beobachtet, begutachtet und bewertet, von Schülern und Eltern, Kollegen und Ausbildern. Dafür bekommen sie monatlich etwa 1000 Euro brutto ? und in vielen Fällen mehr Gegenwind als Unterstützung.

Die Lehrerausbildung in Deutschland steht nicht erst seit der Pisa-Studie in der Kritik. Angehende Pädagogen verbringen Jahre an der Uni, wo noch immer kaum gelehrt wird, wie man zappelige Erstklässler beruhigt oder übermüdete Teenager motiviert. In den Schulen trifft sie dann der Praxisschock. »Bei uns schaut die Uni oft auf die Praxis herab und umgekehrt. Alles, was beides besser verzahnt, ist ein Fortschritt«, sagt Ludwig Eckinger.

Viele Pädagogen stoßen während der zweijährigen Ausbildung an ihre Grenzen. »Lehrer werden oder Mensch bleiben?« und »Das Referendariat ist die Hölle« ? auf der gut besuchten Internetseite referendar.de sind solche Einträge dutzendfach zu lesen. Die Seite wurde 1999 von bayerischen Referendaren ins Netz gestellt, um die gestressten Junglehrer deutschlandweit zu vernetzen. Inzwischen gibt es eine Tauschbörse für Referendariatsplätze, eine Datei für Seminarbewertung befindet sich in der Aufbauphase. »Vielen tut es einfach gut, sich einmal den ganzen Frust von der Seele zu tippen«, sagt einer der Initiatoren.

Auch Christina Brandenburg, 30, fühlte sich während ihres Referendariats oft überfordert, aber das sollte an ihrer Schule keiner merken. »Ich stand vor der Klasse und wusste nicht mal, wo der Kopierer steht«, erzählt sie. Unkenntnis bei solchen Details habe sie zu verheimlichen gesucht: »Da habe ich dann geschauspielert.« Ihre Ausbilderin hatte ihr anfangs geraten, sich zumindest einen Abend in der Woche freizunehmen. Brandenburg hielt das zunächst für einen Scherz: »Mensch, ich war in Berlin, wollte jeden Tag ausgehen. Am Ende war es aber wirklich schwer, sich wenigstens diesen einen Abend freizuschaufeln!«

Seit August hat Christina Brandenburg ihre erste Stelle als Englisch- und Französischlehrerin an einem Hamburger Gymnasium. Sie ist erleichtert, dass die stressige Ausbildung vorbei ist. Endlich kann sie sich ganz auf ihre Arbeit als Lehrerin konzentrieren. Sie muss nicht mehr nachmittags nebenbei eigene Seminare vorbereiten. Und auch die Kollegen nehmen sie jetzt ernster als im Referendariat. »Das Paradoxe ist: Obwohl ich mehr unterrichte und eine größere Verantwortung trage, ist es jetzt leichter«, sagt Brandenburg, »ich habe sogar wieder etwas Zeit für mich!«

Harter Job ? Zahlen zum Lehrerdasein

- Der durchschnittliche Schallpegel im Klassenzimmer erreicht mit 65 Dezibel fast die Lautstärke eines Rasenmähers.
(Studie Institut für interdisziplinäre Schulforschung, Uni Bremen, 2004)

- Der Spitzenwert beträgt bis zu 86 Dezibel ? das entspricht etwa dem Lärm einer stark befahrenen Straße.
(Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2004)

- 29 bis 35 Prozent der Lehrer leiden am Burn-out-Syndrom, weitere 30 Prozent fühlen sich überfordert.
(Studien der Universitäten Potsdam und Freiburg, 2004)

- Bei Studierenden und Referendaren gelten jeweils 25 Prozent als Burn-out-gefährdet.
(Studie Uni Potsdam, 2004)

- Ein Lehrer für Deutsch und Englisch am Gymnasium verbringt pro Schuljahr rund 1000 Stunden mit Korrigieren.
(Studie des Deutschen Lehrerverbandes)

- Für die Vorbereitung einer Schulstunde benötigt ein routinierter Lehrer eine halbe bis eine dreiviertel Stunde ? ein Referendar zwei- bis dreimal so lang.
(Schätzung von Oliver Arlt, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Junglehrer beim VBE)

- Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Lehrern liegt bei 42 bis 46 Stunden.
(Arbeitszeitstudie des Lehrerverbandes. Die Ferien sind auf gängige Urlaubszeitregelungen umgerechnet.)

- Im Saarland fallen wegen Stimmproblemen der Lehrer rund 11.000 Unterrichtsstunden pro Jahr aus.
(Studie Uni Saarland, 2003)

Tipps und Tests:
Für alle, die überlegen, Lehrer zu werden, gibt es online-gestützte Selbsteinschätzungstests, zum Beispiel unter www.cct-germany.de, www.dbb.de/lehrerstudie/start_fit_einleitung.php oder unter www.boyng.de und dort unter der Rubrik Ausbildungsplätze/Übersicht Berufe, dann unter »L« wie Lehrer.

Wie man die Karriere im Klassenzimmer plant, erfahren Studenten, Berufseinsteiger und Lehrer ebenfalls unter www.cct-germany.de. Onlinegestützte Selbsterkundungsverfahren sind geplant.

Wer den Anschluss an Leidensgenossen sucht, kann sich unter www.referendar.de mit anderen Referendaren austauschen und von deren Erfahrungen profitieren. http://www.zeit.de/campus/2008/01/hoelle-referendariat

Doris
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Petra Litzenburger



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BeitragVerfasst am: 23.03.2008, 13:57    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
21. März 2008, 09:39 Uhr

LEHRER ALS PROBLEM

"Viele halten das für einen Halbtagsjob"


Bequem, inkompetent und schnell überfordert - Udo Rauin geht mit deutschen Lehrern hart ins Gericht.
Der Frankfurter Bildungsforscher erklärt im Interview, warum so viele ungeeignete Studenten in den Lehrerberuf stolpern und der Beamtenstatus ein schlimmes Übel ist.


DPA

Frage: Herr Rauin, Sie haben in Ihrer Studie herausgefunden, dass es schon relativ früh im Lehramtsstudiums starke Anhaltspunkte dafür gibt, ob jemand ungeeignet für den Beruf ist. Welche praktischen Konsequenzen ergeben sich daraus?

Udo Rauin: Man müsste viel stärker während des Studiums beraten, damit die zukünftigen Lehrer wissen, was auf sie zukommt. Denn die Anforderungen des Berufs werden nicht deutlich gemacht - viele halten das tatsächlich für einen Halbtagsjob, für den man nicht viel machen oder wissen muss. Es wird zu wenig dafür getan, die Anforderungen schon im Studium stärker durchzusetzen und auch dahingehend zu beraten, dass man besser die Finger davon lässt, wenn man deutliche Überforderungen feststellt. Da der Bedarf nach Lehrern aber sehr groß ist und nicht nur mit den wirklich Kompetenten gedeckt werden kann, nimmt man auch solche, die es nicht können.

Frage: Kommen Lehramtsstudenten nicht viel zu spät mit der Praxis in Berührung?

Rauin: In Baden-Württemberg, wo ich meine Studie gemacht habe, sind alle durch regelmäßige studienbegleitende Praktika schon früh in die Praxis gekommen. Viele haben sehr früh bemerkt, dass diese Praktika ein Horror für sie sind und dass sie inkompetent sind - das hat sie aber nicht abgeschreckt. Sie verdrängen ihre Inkompetenz in der Hoffnung, dass sich das schon irgendwie legen wird, da der Lehrerberuf andere Vorteile hat beziehungsweise die Perspektivlosigkeit in anderen Bereichen so groß ist, dass man dann doch dabei bleibt.

Frage: Wie sinnvoll ist in diesem Zusammenhang der Beamtenstatus für Lehrer?

Rauin: Der führt genau dazu, dass sich die Falschen für den Beruf interessieren, weil es eine vermeintliche Sicherheit gibt. Diese suchen eben viele Studierende, die sich der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt nicht aussetzen wollen. Man müsste den Beamtenstatus tatsächlich abschaffen, um wenigstens die schlimmsten Übel zu vermeiden.

Frage: Welche Rolle spielt ein Numerus Clausus auf Lehramtsstudiengänge - man sagt ja oft, dass schlechtere Schüler später die besseren Lehrer seien?

Rauin: Dann müssten die heutigen Lehrer sehr gut sein, denn in den letzten 20 Jahren ist immer vor allem das untere Drittel eines Abiturjahrgangs Lehrer geworden. Natürlich mit Ausnahmen, aber es gibt eine Tendenz, dass eher die schlechteren Schüler den Lehrerberuf ergreifen, weil sie sich in anderen Berufsfeldern weniger Chancen ausrechnen. Es gibt Bereiche, bei denen das nicht zutrifft, etwa bei Naturwissenschaften am Gymnasium. Aber man kann sagen: Je niedriger die Schulform ist - also Grund-, Haupt- und Realschule -, desto schlechter sind die Abiturdurchschnitte der Lehrer. Ein NC nützt dabei weder noch schadet er. Er steuert nicht wirklich, weil er ja in dem Moment, wo es eine mangelnde Nachfrage nach einem Fach oder Studiengang gibt, wieder aufgehoben wird. Er wirkt entlastend für die Hochschulen, hat aber für die Schule keinerlei Funktion.

Frage: Gibt es unter Lehrern mehr Ungeeignete als in anderen Berufen?

Rauin: Da wir keine Vergleiche haben, sind wir gerade dabei, Parallelstudien für andere Berufe zu machen, um zu sehen: Wer studiert das, wie studiert man es und mit welchem Engagement? Wir wissen bisher bei den Lehrern auch nicht, ob alle Schulformen in gleicher Weise betroffen sind. Es scheint mir so zu sein, dass in anderen Berufen das Berufs- und Versagensrisiko größer ist. Deshalb vermute ich, dass die Zahl der Inkompetenten im Lehrerberuf Dimensionen hat, die man sonst nicht findet. Aber beweisen kann ich das nicht.


Frage: Können die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge, die ja mehr auf Praxisbezug und Kompetenzstärkung ausgerichtet sind, dem Problem der Inkompetenz bei Lehrern entgegenwirken?

Rauin: Nicht wirklich. Die Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg, die ich untersucht habe, haben ja diese sehr starke Komponente Praktikum auch schon drin. Außerdem kann im Moment niemand wirklich sagen, wie man auf diese Weise die erforderlichen Kompetenzen stärken kann. Die Lehrerausbildung ist an allen Universitäten ein fünftes Rad am Wagen, für das sich niemand wirklich interessiert. Deswegen glaube ich, dass es vielleicht ein paar Veränderungen beim Studium geben wird, aber die zentralen Probleme ungelöst bleiben: Wer wird Lehrer, wie kann man diejenigen herausfinden, die von der Persönlichkeit her stark genug sind, um in der Schule bestehen zu können? Und wie sorgt man dafür, dass sie der Schule mit voller Arbeitskraft zur Verfügung stehen? Denn heute arbeiten 50 Prozent aller Lehrkräfte nur Teilzeit, an manchen Schulen sind es bis zu 80 Prozent. Aber das sind strukturelle Probleme, die man in der Schule selbst lösen muss, und zwar durch eine veränderte Form der Einstellungsprozedur, positive Anreize und Evaluation.

Frage: In Baden-Württemberg haben inzwischen auch Lehramtsanwärter für das Gymnasium während des Studiums eine sechsmonatige Praxisphase. Hilft das weiter?

Rauin: Ähnliches soll jetzt überall verstärkt eingeführt werden. Das Problem ist nur: Diejenigen, die das ohnehin nur aus Verlegenheit studieren, schreckt man damit nicht ab. Diese Praxisphase hat eine orientierende Funktion, ist aber kein Sieb - sie filtert nicht die Schwächeren heraus. Das könnte man nur mit einer anderen Form des Staatsexamens erreichen.

Frage: Und wie müsste die aussehen?

Rauin: Sie müsste zentraler auf die tatsächlich relevanten Kompetenzbereiche abzielen. Und sie müsste die Leute über viel längere Zeiträume prüfen, als das bisher mit zwei Unterrichtsstunden und einer mündlichen Prüfung in der Prüfungsphase des Referendariats der Fall ist. Zudem müsste man mutiger als bisher den Ungeeigneten den Zugang verweigern.

Frage: Warum geschieht das nicht?

Rauin: Aus sozialen Gründen. Wenn sich jemand sieben oder acht Jahre auf den Beruf vorbereitet und mit seinem Studium nichts anderes werden kann, dann setzt bei schlechten Lehrern so ein Mitleidseffekt ein - man lässt ihn drin, auch wenn er ganz schwach ist. Vernünftiger wäre es, wenn man eine Doppelqualifikation hätte und eventuell mit seinem Studium auch was anderes werden könnte als Lehrer. Das würde das Ganze etwas entschärfen. Und da hoffe ich, dass das ein kleiner Seiteneffekt des Bachelor- und Master-Studiums ist.

Das Interview führte Mirjam Mohr, AP


Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/jo....ruf/0,1518,542780,00.html
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