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Der lange Weg unseres Sohnes bis zur Diagnose...

 
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trinity11021975



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BeitragVerfasst am: 09.02.2013, 20:17    Titel: Der lange Weg unseres Sohnes bis zur Diagnose... Antworten mit Zitat

Hallo, Ihr Lieben!

Seit dem 29.1.2013 ist es amtlich: unser Sohn leidet an einer schweren Dyskalkulie. Der Weg bis zu dieser Diagnose war lang:

Aufgrund von Schwierigkeiten in Mathematik und auch Deutsch (die aber mittlerweile behoben sind) meldeten wir unseren Sohn im Jahre 2010 als Zweitklässler in unserer hiesigen Schülerhilfe-Filiale an. Leider brachte diese "Nachhilfe" dort garnichts: unser Sohn musste vor allem wegen seiner schlechten Leistungen in Mathematik von der dritten nochmal in die zweite Klasse zurückversetzt werden. Wir kündigten daraufhin den Vertrag mit der Schülerhilfe und machten im Wege der von der Schülerhilfe gegebenen Garantie "5 weg oder Geld zurück" die geleisteten Unterrichtsgebühren geltend, es handelte sich hierbei um immerhin knapp EUR 1.700,00, die wir "zum Fenster rausgeschmissen" hatten. Die Schülerhilfe schaltete einen Anwalt ein, der diese Forderung von uns zurückwies und forderte von uns EUR 223,00 an Anwaltskosten, "weil die Einschaltung des Anwaltes notwendig" gewesen wäre. Da wir dann selbst anwaltlich diesen Anspruch abwiesen, ging die Schülerhilfe wegen dieser Anwaltskosten vor Gericht. Vor wenigen Tagen kam das Urteil: die Klage der Schülerhilfe auf Erstattung der Anwaltskosten wurde zurückgewiesen.

Wie dem auch sei: Zunächst gab es nach der Rückversetzung wenig Schwierigkeiten in Mathematik, da er Anfang der zweiten Klasse nochmal dort einstieg und noch mit Hilfsmaterialien gerechnet bzw. "abgezählt" wurde. Erst als wieder das "richtige Kopfrechnen" anfing, kamen wieder die Probleme und unser Sohn besucht seit September letzten Jahres täglich eine pädagogisch betreute Hausaufgabenhilfe und hat zudem noch einmal wöchentlich Nachhilfe in Mathematik. Schon nach kurzer Zeit kam die Leiterin dieser Hausaufgabenbetreuung auf uns zu, und sagte, sie habe den Verdacht, dass unser Sohn Dyskalkulie habe und wir müssten das unbedingt über die Schule testen lassen, damit er Notenschutz erhält. Leider schaltete die Schule auf unser Bitten hin nicht den Schulpsychologen ein, um einen Dyskalkulietest machen zu lassen. Wir nahmen das dann schließlich selbst in die Hand und vereinbarten einen Termin im SPZ, um dort einen Dyskalkulietest machen zu lassen. Unser Sohn hat bei einem IQ von 101 eine sehr schwere Dyskalkulie.

Mit dem schriftlichen Ergebnis des SPZ beantragten wir nun bei der Schule Notenschutz für unseren Sohn. Die Klassenlehrerin unterrichtete mich vorab schon mündlich darüber, dass die Schulleiterin unserem Sohn keinen Notenschutz geben werde, sondern ihm wohl vielmehr eine längere Zeit bei Arbeiten zugestehen würden. Dies ist natürlich ein ganz massives Ärgernis, denn was bringt es einem Dyskalkulie-Kind, das ohnehin schon Schwierigkeiten hat, wenn es dann noch wesentlich länger an einer Arbeit sitzen muss, wenn andere Kinder schon fertig sind. Vielmehr wäre hier zumindest eine kürzere Arbeit angebracht gewesen. Aber bei der Rektorin wundert mich mittlerweile leider garnichts mehr, diese Dame hat ihre eigenen Gesetze, die ihrer Meinung unumstößlich sind. Wir warten jetzt nun den schriftlichen Bescheid der Rektorin ab, befürchten aber ehrlich gesagt, dass uns hier ein Kampf mit der Rektorin bevorsteht. Ob und wie lange dieser dauern kann, müssen wir natürlich auch im Interesse unseres Sohnes abwägen. Er besucht diese Grundschule ja nur "vor Amtes Gnaden" mittels eines Gestattungsantrages. Es wäre also für uns im schlimmsten Falle ein Leichtes, den Gestattungsantrag einfach zurückzunehmen und unseren Sohn in die für unseren Wohnsitz zuständige Schule umzuschulen, sofern diese in Sachen Dyskalkulie-Förderung besser ist. Diesbezüglich werden wir uns schlaumachen. Aber wie immer: der Weg, um unserem Kind eine faire Chance in der Schule erkämpfen zu können, wird mal leider wieder steinig werden...
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Fred Steeg
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BeitragVerfasst am: 09.02.2013, 21:25    Titel: Re: Der lange Weg unseres Sohnes bis zur Diagnose... Antworten mit Zitat

Hi Trinity,



trinity11021975 hat Folgendes geschrieben:
Hallo, Ihr Lieben!
Seit dem 29.1.2013 ist es amtlich: unser Sohn leidet an einer schweren Dyskalkulie. Der Weg bis zu dieser Diagnose war lang:


Wer (Qualifikation) hat die Diagnose erstellt? Worauf beruht sie (welcher Test, welche Untersuchungsmethode)? In welchem Bundesland geht das Kind zur Schule?

trinity11021975 hat Folgendes geschrieben:

Aufgrund von Schwierigkeiten in Mathematik und auch Deutsch (die aber mittlerweile behoben sind) meldeten wir unseren Sohn im Jahre 2010 als Zweitklässler in unserer hiesigen Schülerhilfe-Filiale an.


Die Schülerhilfe ist eine Nachhilfeinrichtung. Dort wird in kleinen Gruppen Unterrichtsstoff nachbereitet oder wiederholt oder geübt. Das bewirkt bei Kindern, die zuwenig Verständnis mit mathematischen Begriffen haben (Menge, Zahl, Wert, Unterschied, Teil/Ganzes, Vervielfachen usw.) genau das Gegenteil, weil sie meinen, es käme auf Fleiß und Übung an, um sich mathematische Wörter, Abläufe, Techniken usw. einfach zu merken. Das ist aber falsch. Die Bedeutungen der Begriffe müssten aus einem persönlichen Dialog mit einer ausgebildeten Person (Lehrer/Therapeut) heraus verstanden werden, um sie verständig anwenden zu können.

trinity11021975 hat Folgendes geschrieben:

Wie dem auch sei: Zunächst gab es nach der Rückversetzung wenig Schwierigkeiten in Mathematik, da er Anfang der zweiten Klasse nochmal dort einstieg und noch mit Hilfsmaterialien gerechnet bzw. "abgezählt" wurde. Erst als wieder das "richtige Kopfrechnen" anfing, kamen wieder die Probleme und unser Sohn besucht seit September letzten Jahres täglich eine pädagogisch betreute Hausaufgabenhilfe und hat zudem noch einmal wöchentlich Nachhilfe in Mathematik.


Eine Klassenwiederholung ist keine Lösung. Dabei wird einfach mit den gleichen Mitteln dasselbe angeboten, woran das Kind bereits gescheitert war. Spätestens in der folgenden Klasse geht alles wieder los. Mit der Hausaufgabenhilfe für Mathe solltet ihr sofort aufhören, wenn durch die Diagnose klar geworden ist, dass das Kind dadurch überfordert ist. Weiteres Üben und Überforderungen verschärfen die Situation mehr und mehr. Das sollte auch die Schule (Schulleiterin, MathelehrerIn) einsehen und dem Kind die Zeugnisnote aussetzen, Klassenarbeiten in Mathe aussetzen und Hausaufgaben auf sein Niveau reduzieren oder besser noch ganz weglassen.

Sollte sich die Schule auf den Standpunkt stellen, die Gerechtigkeit gegenüber den anderen Kindern würde erfordern, dass keine Rücksichten auf Euren Sohn genommen werden, so solltet ihr antworten, dass es nicht sein kann, dass Gerechtigkeit (wofür auch immer) wichtiger wäre als die Gesundheit, das vernünftige Lernen und die soziale Zukunft Eures Sohnes. Das wäre schlicht eine Körperverletzung (drohende seelische Behinderung) und allgemeine Schädigung wegen des Benotungsinteresses der Schule!

trinity11021975 hat Folgendes geschrieben:
Schon nach kurzer Zeit kam die Leiterin dieser Hausaufgabenbetreuung auf uns zu, und sagte, sie habe den Verdacht, dass unser Sohn Dyskalkulie habe und wir müssten das unbedingt über die Schule testen lassen, damit er Notenschutz erhält. Leider schaltete die Schule auf unser Bitten hin nicht den Schulpsychologen ein, um einen Dyskalkulietest machen zu lassen. Wir nahmen das dann schließlich selbst in die Hand und vereinbarten einen Termin im SPZ, um dort einen Dyskalkulietest machen zu lassen. Unser Sohn hat bei einem IQ von 101 eine sehr schwere Dyskalkulie.


Wenn der Dyskalkulietest dazu führen sollte, dass die Schule dann einlenkt, soll es ja damit okay sein. Ein solcher Test für sich genommen bringt aber keine Informationen über den Verständnisstand des Kindes hervor, sondern nur ein nichtssagendes "Etikett": Dyskakulie! Insofern hätte die Schuldirektorin recht, wenn sie sagt, dass das kein Argument für sie sei, Rücksichten zu nehmen. Allerdings ist es ein Versäumnis der Schule, wenn sie nicht selbst durch eine individuelle Lernstandsanalyse die Grundlage schafft, das Verständnis des Kindes in Mathe zu prüfen, obwohl alle Hinweise/Verdachtsmomente auf erhebliche Rechenschwierigkeiten vorliegen. Durch eine Lernstandsanalyse könnte man beweisen, das und wobei das Kind überfordert ist, wenn es einfach weiter den Anforderungen des Unterrichts unterworfen wird. Ansonsten: siehe oben!

trinity11021975 hat Folgendes geschrieben:

Wir warten jetzt nun den schriftlichen Bescheid der Rektorin ab, befürchten aber ehrlich gesagt, dass uns hier ein Kampf mit der Rektorin bevorsteht. Ob und wie lange dieser dauern kann, müssen wir natürlich auch im Interesse unseres Sohnes abwägen. Er besucht diese Grundschule ja nur "vor Amtes Gnaden" mittels eines Gestattungsantrages. Es wäre also für uns im schlimmsten Falle ein Leichtes, den Gestattungsantrag einfach zurückzunehmen und unseren Sohn in die für unseren Wohnsitz zuständige Schule umzuschulen, sofern diese in Sachen Dyskalkulie-Förderung besser ist. Diesbezüglich werden wir uns schlaumachen. Aber wie immer: der Weg, um unserem Kind eine faire Chance in der Schule erkämpfen zu können, wird mal leider wieder steinig werden...


Mich würde interessieren, was es mit dem Gestattungsantrag auf sich hat (geht das Kind nun in Sachsen auf die Schule oder im Nachbarbundesland oder wo und warum?). In jedem Bundesland geht es etwas anders zu. Deshalb wäre das sehr wichtig, um Euch einen Rat zu geben. Habt ihr schon einen Antrag auf Eingliederungshilfe gestellt (§35aKJHG). In der Schule würde ich zunächst einmal fragen, was als Dyskalkulieförderung angeboten wird, denn wenn eine Lernstandsanalyse nicht vorgesehen ist, möchte ich wissen, was in der Schule mit dem Kind eigentlich gefördert werden soll? Eigentlich sollte man schon jetzt einmal recherchieren, wer in Eurer Nähe als außerschulischer Behandler in Frage kommt (deshalb §35aKJHG).

Ihr solltet keinen Druck auf den Sohn wegen seiner Matheprobleme ausüben und ihn gegenüber der Schule in Schutz nehmen. Man könnte einmal mit dem Schulreferenten im zuständigen Ministerium telefonieren, denn eine Grundschule darf nicht einfach solche Probleme ignorieren. Das ist in der gesamten BRD in jedem Bundesland auf verschiedene Weise gesetzlich verankert (siehe Schulgesetze).

siehe auch:

http://www.rechenschwaecheinstitut-volxheim.de/knol-google.pdf
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Gruß Fred Steeg
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trinity11021975



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BeitragVerfasst am: 10.02.2013, 21:36    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Fred,

hab vielen Dank für deine lange Antwort. Ich versuche nun nachstehend deine Fragen nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten:

Die endgültige Diagnose der Dyskalkulie haben wir im Sozialpädiatrischen Zentrum der Uniklinik Frankfurt/Höchst machen lassen. Unser Sohn hat demnach eine Dyskalkulie F81.2 mit einem PR 07. Es wurde hierbei der Heidelberger Rechentest HRT 1-4 gemacht. Unser Sohn geht in Hessen zur Schule.

Mit der Hausaufgabenhilfe möchten wir und auch unser Sohn nicht aufhören. Er geht dort sehr gerne hin, weil man da sehr behutsam und individuell auf die Kinder eingeht und es werden dort Hausaufgaben in allen Fächern gemacht. Und er ist wesentlich selbstbewusster geworden, seit er dorthin geht. Zudem ist die Leiterin befugt, LRS- und Dyskalkulie-Förderung zu machen. Sie gab uns ja auch den Tipp, dass wir unseren Sohn dringend auf Dyskalkulie testen lassen. Sie hatte schon vor dem Ergebnis des SPZ die Mathematiknachhilfe (einmal wöchentlich 30 Minuten Einzelunterricht) auf Dyskalkulie-Förderung umgestellt. Ich muss hier ehrlich sagen, das Vertrauensverhältnis und die Zusammenarbeit stimmt dort bestens, viel viel besser, als in der Schule. Die Leiterin hat uns bei dem Notenschutzantrag geholfen und steht uns jederzeit mit Rat und Tat zur Seite, um die Rechte unseres Sohnes bei der Schule durchsetzen zu können.

Mit dem Gestattungsantrag verhält es sich bei uns so: Wir leben in einer Kleinstadt mit ca. 40.000 Einwohnern. Sie hat fünf Stadtteile, die von sechs Grundschulen abgedeckt werden. Welche Schule von welchem Kind besucht wird, bestimmt sich nach dem Wohnort des Kindes. Da sowohl meine Schwiegereltern als auch meine Mutter in einem anderen Stadtteil leben, haben wir einen Gestattungsantrag gestellt, dass unser Sohn die Schule dort besucht, weil ich es nicht schaffe, unseren Sohn wegen meinem Arbeitsweg pünktlich von der Schule abzuholen. Bis ich dann komme, wird er von meinen Schwiegereltern betreut. Mein Mann ist Nachtschichtler und kommt mitunter teilweise auch erst gegen 9 oder 10 Uhr morgens nach Hause, deswegen haben wir diesen Weg gewählt.

Leider sind wir da mit der Schulwahl nicht gut gefahren, wie wir nun gemerkt haben. Hierzu kannst Du auch gerne mal frühere Postings von mir nachlesen. Die Rektorin fühlt sich als "Königin der Schule" (ihr O-Ton); wirklich. Sie kennt auch keine "für ihr Kind kämpfenden Eltern". Uns kennt sie mittlerweile schon mit Namen, weil wir bei ihr in dieser Hinsicht schon "negativ" aufgefallen sind. Offenbar tendieren wohl generell Eltern vom Lande eher dazu, zu allem, was die Rektorin sagt, "Ja und Amen" zu sagen. So habe ich auch gesehen, dass ein Junge, den unser Sohn noch vom Kindergarten her kennt, noch in der vierten Klasse ist. Dieser Junge ist nun 13 Jahre (!) und sein Zwillingsbruder besucht schon die sechste Klasse. Dies finde ich ehrlich gesagt schlichtweg unverständlich, dass die Eltern dies offenbar ohne jedes Hinterfragen mitmachen.

Selbstverständlich werden wir unseren Sohn unterstützen und für sein Recht kämpfen und wir üben natürlich keinerlei Druck auf ihn aus. Aber sollten wir feststellen, dass seitens der "Schulkönigin" dieser Kampf auf seinem Rücken ausgetragen wird, werden wir kurzerhand die "Reißleine ziehen" und den Gestattungsantrag zurücknehmen und unseren Sohn in die Schule umschulen, die für unseren Wohnbezirk zuständig ist. Dann müssen meine Schwiegereltern halt ein paar Kilometerchen mit dem Auto fahren, um ihn von der Schule abzuholen; aber wenn das im Interesse des Kindes ist, werden sie dies auf jeden Fall mitmachen. Ich werde aber vorher in jedem Falle genaue Erkundigungen einziehen, wie es in dieser Schule mit Dyskalkulieförderung aussieht.


Ich hoffe, ich konnte jetzt alle offenen Fragen so ausführlich wie möglich beantworten. Sollte doch noch irgendetwas offen sein, bitte einfach fragen.

Vielen herzlichen Dank schon für die Hilfe und liebe Grüße!
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Fred Steeg
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BeitragVerfasst am: 11.02.2013, 00:22    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Trinity,

trinity11021975 hat Folgendes geschrieben:

Die endgültige Diagnose der Dyskalkulie haben wir im Sozialpädiatrischen Zentrum der Uniklinik Frankfurt/Höchst machen lassen. Unser Sohn hat demnach eine Dyskalkulie F81.2 mit einem PR 07. Es wurde hierbei der Heidelberger Rechentest HRT 1-4 gemacht. Unser Sohn geht in Hessen zur Schule.


Diese Diagnose ist eine auf die genannte Definition bezogene, d.h. sie sagt nur aus, dass nach WHO-Kriterien eine Rechenschwäche vorliegt. Wer das für bedeutsam hält, kann nun sagen: Ok das Kind ist krank. Und das wars dann. Oder es sagt einer: Jetzt müssen wir mal sehen, was man tun kann. Man weiß also immer noch nicht was man eigentlich tun soll. Wer nun mit dem Kind Hausaufgaben wiederholt, Matheaufgaben trainiert oder Lehrmaterial zum Rechnen benutzen lässt, weiß wiederum gar nicht welche Probleme das Kind genau hat. Deshalb kann bei der Förderung auch nur zufällig vielleicht mal etwas klappen. Meist gibt es Trainingserfolge, die sich dann wieder genauso schnell verflüchtigen, wie sie gekommen sind oder etwas später. Man bräuchte eine Lernstandsanalyse um einen konkreten Förderplan erstellen zu können. Die Förderung müsste einzeln und als Dialog mit dem Lehrer oder Therapeuten erfolgen. Gruppenförderung macht keinen Sinn, da es dabei keine Lernerfolgskontrolle im analytischen Sinn gibt, d.h. es wird wieder nur ergebnisorientiert nachgeschaut, welche Aufgaben nun gelöst werden konnten. Das hat mit mathematischer Lernstandskontrolle nichts zu tun. So vergeht die Zeit und das Kind hat weiterhin keine Grundbegriffe zur Verfügung. Manchmal stellt sich bei einigen Kindern ein neues Wissen ein, was sich im Alltag zurechtgerückt hat. Das passiert wiederum zufällig und nicht als Folge des Rechentrainings. Denn Rechnen können ist Folge von Verständnis für mathematische Begriffe und nicht Ergebnis von Training. Man kann zwar auch ohne Verstand rechnen. Dann muss man aber jede Technik für sich auswendig lernen und hat keine Ahnung (auch keinen Zusammenhang zwischen den einzelnen Themen) davon, bei welchen Sachverhalten diese Technik eigentlich verständig angewendet werden soll.

Was ist z.B. eine Zahl, was hat Mal mit Plus zu tun, was ist ein Ganzes und seine Teile, was hat das wiederum mit Subtraktion zu tun und vielleicht auch noch mit Teilen? Lauter Fragen, deren Bedeutung erst mal gelernt werden muss. Und deshalb muss man vorher wissen, was davon das Kind verstanden hat, sonst kann man ihm gar nicht helfen.

trinity11021975 hat Folgendes geschrieben:

Mit der Hausaufgabenhilfe möchten wir und auch unser Sohn nicht aufhören. Er geht dort sehr gerne hin, weil man da sehr behutsam und individuell auf die Kinder eingeht und es werden dort Hausaufgaben in allen Fächern gemacht. Und er ist wesentlich selbstbewusster geworden, seit er dorthin geht. Zudem ist die Leiterin befugt, LRS- und Dyskalkulie-Förderung zu machen. Sie gab uns ja auch den Tipp, dass wir unseren Sohn dringend auf Dyskalkulie testen lassen. Sie hatte schon vor dem Ergebnis des SPZ die Mathematiknachhilfe (einmal wöchentlich 30 Minuten Einzelunterricht) auf Dyskalkulie-Förderung umgestellt. Ich muss hier ehrlich sagen, das Vertrauensverhältnis und die Zusammenarbeit stimmt dort bestens, viel viel besser, als in der Schule. Die Leiterin hat uns bei dem Notenschutzantrag geholfen und steht uns jederzeit mit Rat und Tat zur Seite, um die Rechte unseres Sohnes bei der Schule durchsetzen zu können.


Natürlich erscheint es nun sehr heikel, wenn ich sage, die Hausaufgabenbetreuung (in Mathe) wird nicht helfen. Wenn in der Hausaufgabenbetreuung eine Person wirklich den Lernstand analysieren kann und danach eine darauf aufbauende Förderung mit dem Kind durchführt, würde ich das sofort befürworten. Dann wäre es keine Hausaufgabenbetreuung mehr. Wenn aber in der Hausaufgabenbetreuung der unverstandene Mathestoff (von dem reden wir ja, nicht von den anderen Dingen) wiederholt, überfordernde Mathehausaufgaben mit Hilfe nachvollzogen werden und evtl. noch mit Lehrmaterial Aufgaben gerechnet werden, die ihrer Bedeutung nach nicht verstanden wurden, aber dann doch gelöst werden, so sehe ich eine kleine Katastrophe auf Euch und Euren Sohn zukommen. Man geht ja auch nicht zum Friseur, weil der so nett und liebevoll ist, obwohl er vielleicht überhaupt keine Frisur hin bekommt. Ich will damit Eure gute Hausaufgabenhilfe nicht schlecht machen, aber die Warnung meinerseits gilt: Auch wenns gut gemeint ist, aber alle Mühe war umsonst, wenn nicht am Verständnis der mathematischen Bedeutungen gearbeitet wird! Bitte überprüft das und seid ehrlich zu Euch selbst. Dass die Betreuerin Euch unterstützt und für den Nachteilsausgleich eintritt und Euer Kind vor Überforderung zu schützen Euch helfen will, finde ich gut. Sie sollte deshalb auch in der Lage sein ihre eigene Arbeit auch bzgl. der lernstandsanalytischen und didaktisch-mathematischen Vorgehensweise einzuschätzen und zu erläutern. Hat sie zur Vorbereitung ihrer Dyskalkulieförderung eine Lernstandsanalyse gemacht? Arbeitet sie mit dem Kind einzeln? Führt sie mit dem Kind einen Dialog über die mathematischen Begriffe und deren Bedeutungen?

trinity11021975 hat Folgendes geschrieben:

Leider sind wir da mit der Schulwahl nicht gut gefahren, wie wir nun gemerkt haben.
...
Ich werde aber vorher in jedem Falle genaue Erkundigungen einziehen, wie es in dieser Schule mit Dyskalkulieförderung aussieht.


Mit meinen Ausführungen über die Vorgehensweise und die Methoden (siehe auch der Artikel und meine Homepage) hoffe ich Euch ein paar Hinweise gegeben zu haben, mit denen ihr eine Dyskalkulieförderung besser beurteilen könnt.

siehe auch:

http://www.rechenschwaecheinstitut-volxheim.de/eltern.html

und

http://www.rechenschwaecheinstitut-volxheim.de/resi.html


Im hessischen Bildungsministerium findet ihr Unterstützung bei Frau Oertel oder ihren MitarbeiterInnen:

Birgid Oertel,Hessisches Kultusministerium,Tel.: 0611-368-2219; b.oertel@hkm.hessen.de
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trinity11021975



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BeitragVerfasst am: 13.02.2013, 18:56    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Fred!

Vielen herzlichen Dank, dass du dir soviel Zeit nimmst mit deinen ausführlichen Erläuterungen.

Also wenn ich dich zusammenfassend richtig verstehe, sollte unser Sohn keinerlei Mathehausaufgaben mehr machen, also müßte dann der Notenschutzantrag, der ja ohnehin in kurzer Frist abgelehnt werden wird, erweitert werden, dass auch keine Hausaufgaben in Mathematik mehr gemacht werden müssen?

Ich habe unseren Sohn mal gefragt, was die Pädagogin mit ihm in der Nachhilfe macht (Einzelunterricht) übrigens: es wird nur geredet und mit Montessori-Würfelchen "gespielt" (O-Ton mein Sohn) und nichts geschrieben.

Ich werde mir die Links einmal genauer ansehen und mich auch mal mit Frau Oertel in Verbindung setzen.

Vielen herzlichen Dank und viele Grüße
Trinity
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BeitragVerfasst am: 13.02.2013, 20:22    Titel: Hausaufgaben Antworten mit Zitat

Hi Trinity,

Die Hausaufgaben machen nur dann Sinn, wenn man wüsste, ob er die darin enthaltenen Aufgaben in ihrer mathematischen Bedeutung versteht. Das könnte man dadurch herausfinden, wenn man mit ihm eine Lernstandsanalyse machen würde. Man könnte dann die Art und Schwierigkeit der Hausaufgaben an sein Verständnis anpassen, so dass er nicht permanent überfordert wird und sich deshalb als Ersatz für mathematisches Verständnis angewöhnt, einfach irgendwelche Rechenabläufe auf Verdacht hin abzuspulen und/oder rauf- und runterzuzählen bis er sich nicht mehr konzentrieren kann. Wenn man die schulischen Anforderungen mit einer Fördermaßnahme einfach parallel laufen lässt, riskiert man, dass das Kind die Mathe-Förderung als "Pipifax" betrachtet und für die "ernsten Hausaufgaben" (die vielleicht Punkte einbringen) sein Gedächtnis anstrengt, obwohl das das kontinuierliche Begreifen der Lerninhalte behindert. Wenn die Schule das nicht so sieht, könnte Frau Oertel Dir vielleicht helfen, die Schule davon zu überzeugen.

Solange man nichts genaues darüber weiß, was er eigentlich verstanden hat und was nicht, halte ich es für am besten, ihn gar keine Mathe-Hausaufgaben machen zu lassen.

Hier noch ein interessantes Interview mit Michael Gaidoschik, Mathematikdidaktiker und Therapeut aus Wien:

http://www.pikas.tu-dortmund.de/upl..../Interview_Gaidoschik.pdf
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BeitragVerfasst am: 18.02.2013, 20:45    Titel: Kontakt zum Bildungsministerium Antworten mit Zitat

Hab noch eine Ansprechpartnerin für Hessen gefunden, die wahrscheinlich Unterstützung bei Problemen mit Lehrern an Schulen leisten kann:

Leitung von Schule & Gesundheit im Hessischen Kultusministerium
Hessisches Kultusministerium
Schule & Gesundheit
Luisenplatz 10
65185 Wiesbaden

Leitung
Frau Lisa Wiescher
Abt. I.2

Tel.: ++49 611 368 2171
Fax: +49 611 327152171
E-Mail: Lisa.Wiescher@hkm.hessen.de
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Zuletzt bearbeitet von Fred Steeg am 19.02.2013, 10:04, insgesamt einmal bearbeitet
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BeitragVerfasst am: 18.02.2013, 20:50    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Fred!

Hab vielen Dank für die Adressen. Ich hatte heute auch ein Gespräch mit der Nachhilfelehrerin meines Sohnes, wie es nun weitergeht, weil seitens der Schule nach über zwei Wochen immer noch nichts passiert ist und die Rektorin weder telefonisch noch persönlich erreichbar ist. Wir sind übereingekommen, dass ich nun mit dem Dyskalkulie-Gutachten die beiden Schulen in unserem Stadtteil abklappere und dort nachfrage, ob man hier die Möglichkeit sieht, einen Notenschutz zu gewähren. Da in der "alten" Schule aufgrund Unfähigkeit schon mehr als zwei Jahre verplempert wurde, was ich anhand der Gesprächsprotkolle mit der Klassenlehrerin nachweisen kann, dürfte es sicherlich kein Problem sein, hier zu einem Erfolg zu kommen. Sobald eine Zusage einer der beiden Schulen vorliegt, wird der Gestattungsantrag bezüglich der alten Schule zurückgenommen und der Neustart geht los und bringt unserem Sohn endlich mal bessere Schulerfahrungen.

Viele Grüße
Trinity
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