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Studie zur Übergangsempfehlung der Grundschulen

 
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Doris Carnap
Moderatorin


Anmeldedatum: 18.01.2006
Beiträge: 803
Bundesland: Hessen

BeitragVerfasst am: 26.01.2006, 10:05    Titel: Studie zur Übergangsempfehlung der Grundschulen Antworten mit Zitat

Hallo an Alle,

'Schulrecht vor Elternrecht' heißt eine neue Studie der Arbeitsgruppe Bildungsforschung/-planung der Universität Duisburg - Essen, die die Zuverlässigkeit der Schulempfehlungen der Grundschulen anhand der PISA Daten untersucht hat. Das Ergebnis hat mich nicht überrascht: Die Schüler, die ein Jahr wiederholen oder die Schulform verlassen mußten, hatten zum überwiegenden Teil eine Empfehlung der Grundschule für diese Schulform! Diese Schüler sind nicht, wie man es gerne behauptet, Opfer des übersteigerten Ehrgeizes der Eltern.

Hier die Zusammenfassung:


"Übergangsempfehlungen der Grundschulen zum Besuch der weiterführenden Schule in der Sekundarstufe I sind in dem gegliederten Schulwesen der BRD eine zentrale Schaltstelle für die Verteilung von Bildungs- und Lebenschancen. Dabei erweisen sich diese Empfehlungen als wenig zuverlässig, wie Analysen zum Schulformwechsel auf der Basis der repräsentativen PISA 2000-Daten zeigen.

Jugendliche, die in ihrer Schullaufbahn von einer höheren auf eine niedrigere Schulform wechseln mussten, weisen zum überwiegenden Teil Grundschulempfehlungen für die Schulformen auf, an denen sie letztlich gescheitert sind. Das Risiko, aufgrund einer falschen Grundschulempfehlung einer nicht geeigneten, weil zu hohen Schulform zugewiesen zu werden, ist um ein Vielfaches größer als aufgrund übersteigerter Bildungsansprüche der Eltern an einer nicht geeigneten Schulform angemeldet zu werden.

Für das Bundesgebiet insgesamt zeigen die PISA-Daten:
73% aller 15-jährigen Realschüler, die von einem Gymnasium gewechselt sind, haben seinerzeit eine Grundschulempfehlung für das Gymnasium erhalten. Das relative Risiko für Realschüler, einer falschen (zu hohen) Schulform zugewiesen zu werden, ist aufgrund einer unzutreffenden Grundschulempfehlung rund 24 Mal größer als aufgrund falscher (überhöhter) elterlicher Bildungsansprüche.

Bei den Hauptschülern, die einen Schulformabstieg hinter sich haben, sind es bundesweit wiederum rund 69%, denen seinerzeit von der Grundschule die Fähigkeit für eine höhere
Bildungslaufbahn prognostiziert wurde. Das Risiko eines Hauptschülers, aufgrund der Grundschulempfehlung einer falschen, nämlich zu hohen Schulform zugewiesen zu werden, ist 8 bis 9 Mal größer als die falsche Schulwahl aufgrund übersteigerter Bildungsaspiration der Eltern.

Für Nordrhein-Westfalen stellt sich die Situation ähnlich dar: Fast zwei Dritteln aller Schüler in NRW, die einen Abstieg vom Gymnasium auf die Realschule hinter sich haben, wurde
seinerzeit von der Grundschule die gymnasiale Tauglichkeit bescheinigt. Bei den Absteigern unter den Hauptschülern sind es gar 83,9%, denen von der Grundschule eine Eignung für
höherwertige Bildungsgänge attestiert wurde. Für die Haupt- und Realschüler Nordrhein-Westfalens zusammen gilt: Das Risiko, einer falschen (zu hohen) Schulform zugewiesen zu werden, ist aufgrund einer unzutreffenden Grundschulempfehlung 17 Mal größer als
aufgrund falscher (überhöhter) elterlicher Bildungsansprüche.
Die Schulformabstiege als Begründung für eine Abschaffung des Elternrechts auf freie Wahl der weiterführenden Schule in der Sekundarstufe I anzuführen - wie derzeit u.a. in Nordrhein-Westfalen diskutiert -, hält einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht Stand. Im Gegenteil: die Analysen der repräsentativen PISA 2000-Daten zeigen, dass die Abstiege im
Wesentlichen mit unzutreffenden Grundschulempfehlungen einher gehen.

Fazit:

Die referierten forschungsstatistischen Befunde der repräsentativen PISA 2000-Daten sprechen eine recht eindeutige Sprache, sowohl für Nordrhein-Westfalen als auch das Bundesgebiet insgesamt: Die Schulformabsteiger weisen zum überwiegenden Teil Grundschulempfehlungen für Schulformen auf, an denen sie letztlich gescheitert sind. Das Risiko, aufgrund einer falschen Grundschulempfehlung einer nicht geeigneten, weil zu hohen
Schulform (zwischenzeitlich) zugewiesen zu werden, ist um ein Vielfaches größer als aufgrund übersteigerter Bildungsansprüche der Eltern an einer nicht geeigneten Schulform angemeldet zu werden. Grundschulempfehlungen erweisen sich damit als nicht nur
hochgradig sozial selektiv, wie vielfach in der Forschung dokumentiert, sondern zudem auch als wenig reliabel.

Die Schulformabstiege als Begründung für eine Aushöhlung des Elternrechts auf freie Wahl der weiterführenden Schule in der Sekundarstufe I anzuführen - wie derzeit in Nordrhein-Westfalen praktiziert -, hält einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht Stand. Im Gegenteil: die Analysen der repräsentativen PISA 2000-Daten zeigen, dass die Abstiege im Wesentlichen auf unzutreffende Grundschulempfehlungen zurückzuführen sind.

Um aber nicht missverstanden zu werden: Die hier dokumentierten Ergebnisse stellen die Institution der verpflichtenden Grundschulempfehlung wegen mangelnder Reliabilität in Frage, nicht die Grundschullehrer selber. Weder ist die Vermittlung entsprechender Diagnostik- und Prognosekompetenzen Bestandteil der universitären Lehrerausbildung noch gehören Kaffeesatzlesen und Hellseherei zum verpflichtenden Fortbildungsprogramm von
Lehrern. Aber auch mit noch so elaborierten Diagnostikkompetenzen lässt sich eine grundlegende Tatsache nicht leugnen, dass sich nämlich das Leistungsvermögen
Zehnjähriger und dessen weitere Entwicklung nicht hinreichend sicher einschätzen und voraussagen lässt.

Deshalb: Nichts für ungut, Frau Pfotenhauer (meine Grundschullehrerin hieß wirklich so). Und: danke, liebe Eltern. Denn der hier vorliegende Text wäre wohl nie geschrieben worden, wenn die Eltern des Autors sich seinerzeit an die Grundschulempfehlung zum Besuch einer weiterführenden Schule hätten halten müssen." Dieser Nachsatz stammt von Dr. Rainer Block, dem Verfasser der Untersuchung.

Der ganze Text:

Schulrecht vor Elternrecht

Doris
_________________
"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson


Zuletzt bearbeitet von Doris Carnap am 04.03.2007, 10:58, insgesamt einmal bearbeitet
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schultid



Anmeldedatum: 19.07.2006
Beiträge: 7
Bundesland: Schleswig-Holstein

BeitragVerfasst am: 20.07.2006, 23:43    Titel: nicht nur Dr. Rainer Block, der Verfasser der Untersuchung Antworten mit Zitat

auch Andreas Schleicher, "Vater" der PISA-Studie hatte keine Gymi-Empfehlung, aber einen Prof. zum Vater, der sich seinerzeit nicht an die Grundschulempfehlung zum Besuch einer weiterführenden Schule hatte halten müssen - Dank Willy Brandts Bildungsreform!

Und heute, in der Zeit nach PISA rollt das deutsche Bildungssystem anscheinend zurück in die 50iger Jahre, mit einer Abi-Quote von 5% obwohl ...

" Fast jeder zweite Grundschüler erhält falsche Schulempfehlung"
SPIEGEL ONLINE - 28. Januar 2004, 16:25 URL:

http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,283962,00.html

Zitat:
IGLU-LÄNDERVERGLEICH
Fast jeder zweite Grundschüler erhält falsche Schulempfehlung
Von Marion Schmidt

Neue Ergebnisse aus der Grundschulstudie Iglu zeigen: Über ein Drittel der Viertklässler scheitert an einfachen Texten, allerorten prägt Ungerechtigkeit das deutsche Schulsystem. Die Lehrer sieben oft falsch aus, Kinder betuchter Eltern landen auch mit mäßigen Noten leichter auf dem Gymnasium.


DPA
Lesende Kinder: Na also, geht doch - und das sogar auf Englisch
Ganz schön kokett und selbstironisch sind sie: "Wir können alles. Außer Hochdeutsch", behaupten die Baden-Württemberger in einer Werbekampagne. Von wegen, zumindest in der Grundschule sprechen und verstehen die kleinen Schwaben und Badenser die deutsche Sprache offenbar richtig gut. Baden-Württemberg hat nämlich die Nase vorn bei der neuen Auswertung der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu), die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Auch andere Bundesländer, die sonst eher für ihren starken Akzent belächelt werden, punkten bei der Studie: Bayern und Hessen schneiden fast ebenso gut ab. Nordrhein-Westfalen landet im Mittelfeld, Schlusslicht sind Brandenburg und Bremen. Die Thüringer Ergebnisse wurden nicht in die Studie aufgenommen, die übrigen Bundesländer hatten sich gar nicht erst am Ländervergleich beteiligt.


DPA
Bildungsforscher Bos: "Soziale Auslese ist ein Riesenproblem"
Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind gravierend: Schüler in Bremen etwa hinken denen in Baden-Württemberg um ein ganzes Schuljahr hinterher. Immerhin liege Deutschland beim internationalen Vergleich unter 35 Staaten "bei den Grundschulen im oberen Leistungsdrittel", sagt der Iglu-Forschungsleiter Wilfried Bos - was die deutschen Bildungspolitiker mit einem unüberhörbaren Aufatmen quittiert hatten, nachdem sie unter den blamablen Pisa- Ergebnissen leiden mussten.

Die recht guten Ergebnisse können gleichwohl nicht hinwegtäuschen über den hohen Anteil der deutschen Schüler, die auch am Ende der vierten Klasse noch nicht richtig lesen und schreiben können. Bei 38 Prozent reicht die Lesefähigkeit nicht, um den Sinn kurzer Texte zu erschließen. Und jeder zehnte ist sogar nahezu Analphabet und kann allenfalls gesuchte Wörter in einem Texte erkennen, aber nicht wirklich lesen.

Die Gelenkstelle quietscht gewaltig

In diese "Risikogruppe" fallen vor allem Kinder aus Migrantenfamilien und aus sozial schwachen Familien. Sie sind es auch, die bei den Übergangsempfehlungen am Ende der vierten Klasse benachteiligt werden. "Die Tochter der türkischen Putzfrau hat es trotz guter Leistungen deutlich schwerer, eine Gymnasialempfehlung zu erhalten als der Sohn des Chefarztes, der nur mittlere Schulleistungen bringt", sagte der Erziehungswissenschaftler Bos in Berlin.


DDP
Iglu-Vergleich international: Deutschland auf Rang 11
Insgesamt erhalte fast die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler nach der vierten Klasse falsche Schulempfehlungen, was Wilfried Bos als "bildungspolitischen Skandal" wertet. Beim Übergang zu weiterführenden Schulen finde eine "soziale Auslese" statt: "Das ist ein Riesenproblem. Schule ist genau dafür da, diese Defizite auszugleichen."

Nach Auffassung von Bos funktioniert die "Gelenkstelle Übergangsempfehlung" viel zu schlecht. Ein Grund sei die "Zensurenungerechtigkeit". Schulnoten seien nur bedingt vergleichbar, eine Note 3 in einem sozialen Brennpunkt anders zu bewerten als in einem "Nobelviertel".

"Unverantwortlich" nennt Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn die Schwächen der Schulempfehlungen, "wir verbauen Kindern damit die Chance auf ihre Zukunft". Eva-Maria Stange, Chefin der Bildungsgewerkschaft GEW, sprach von einer "Farce". Die frühe Auslese verschärfe die soziale Ungerechtigkeit durch das Bildungssystem.


Iglu-Studie: Alarmierende Quote von "Risikokindern"
"Iglu zeigt, dass die Probleme an den Schulen erst nach Klasse vier mit der Aufteilung der Kinder in Haupt-, Realschüler und Gymnasiasten richtig massiv werden. Unser Auslesesystem ist international ein Auslaufmodell: Wir müssen künftig auf eine Schule für alle Kinder setzen", fordert Stange.

Eine längere gemeinsame Grundschulzeit wurde von der GEW, Teilen der Grünen und der PDS, aber auch von renommierten Erziehungswissenschaftlern wie Jürgen Oelkers von der Uni Zürich immer wieder in die Diskussion gebracht. Ob sie wirklich das Problem lösen könnte, ist fraglich. Bildungsforscher Bos meint, dass dadurch ein ungerechtes System nur "ein wenig ungerechter" gemacht werden könne.

Schlusslicht Bremen: Armer Willi

Niedersachsen hat die in den siebziger Jahren eingeführte "Orientierungsstufe" für die Klassen 5 und 6 gerade abgeschafft; Bremen hatte lange Zeit eine sechsjährige Grundschule, die jedoch kürzlich wieder auf vier Jahre reduziert wurde. Bremen ist aber auch das Bundesland mit den schwächsten Schülern. Nach den neuen IGLU-Ergebnissen verfügt hier ein Fünftel der getesteten Schüler nur über einfachste Lesekenntnisse, doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt.


DER SPIEGEL
Pisa-Rangliste: Deutschland weit schlechter
Der Stadtstaat hatte bereits beim Pisa-Ländervergleich den letzten Platz belegt und wird bei Iglu erneut abgewatscht. "Äußerst deprimierend" findet das Bremens Bildungssenator Willi Lemke (SPD), der nun externe Expertengruppen in die Schulen schicken will. Eva-Maria Stange von der GEW mahnte, es reiche aber nicht, "nach besserem Unterricht zu rufen und ein paar Computer in die Schulen zu stellen". In der Bildungs- und Sozialpolitik der Hansestadt laufe offenbar grundlegend etwas falsch. "Da ist ein Kurswechsel nötig."

Vielleicht sollten sich die Hanseaten ebenfalls einen stärkeren Dialekt zulegen. In Baden-Württemberg, Bayern und Hessen scheint das zu helfen.

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Doris Carnap
Moderatorin


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Bundesland: Hessen

BeitragVerfasst am: 21.07.2006, 08:11    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo schultid,

Willkommen im Forum.
Zitat:
Und heute, in der Zeit nach PISA rollt das deutsche Bildungssystem anscheinend zurück in die 50iger Jahre, mit einer Abi-Quote von 5% obwohl ...

Zumindestend träumen Lehrer von diesen Zeiten, obwohl sie die nie selbst erlebt haben! Meine Kinder berichten immer wieder von Lehrern, die über den zu großen Zulauf auf das Gymnasium klagen und fest davon überzeugt sind, dass die Leistungen der Schüler deswegen so schlecht sind, weil die Schüler für diese Schulform ungeeignet sind. Davon dass auch wir Deutschen aufgrund der sich verändernden Bedingungen auf mehr gut ausgebildete Menschen angewiesen sind, hat man in diesen Kreisen noch nichts gehört!

Interessant in diesem Zusammenhang ist aber, dass man Mädchen wohl für wesentlich geeigneter für diese Schulform hält, als Jungen. Als Mutter zweier Söhne finde ich das sehr bedenklich, vor allem, wenn ich die Maßstäbe für die Bewertung betrachte!

Ein anderer Anlass für Klagen sind die vielen zu korrigieren Arbeiten. Allerdings wurden zu meiner Schulzeit noch acht Klassenarbeiten pro Jahr geschrieben, bei über 30 Schülern in der Klasse, heute sind es nur noch vier Arbeiten. Als eine Mathelehrerin auf einem Elternabend gefragt wurde, ob sie vor den Arbeiten auch Übungsarbeiten schreibt, damit Kinder und Eltern den Leistungsstand besser einschätzen können, blaffte sie zurück, auf keinen Fall, dann müßte sie ja noch mehr Arbeiten korrigieren!

Manche Lehrer scheinen ihre eigentliche Aufgabe, das Unterrichten mit allem was dazu gehört, schon fast als Zumutung zu empfinden.

Doris
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"Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler." Ralph Waldo Emerson
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Petra Litzenburger



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Beiträge: 669
Bundesland: Saarland

BeitragVerfasst am: 08.02.2007, 11:31    Titel: Antworten mit Zitat

SCHÜLER-LOTTO

"Ein bildungspolitischer Skandal"

Von M. Leffers

Nach der Grundschule werden die Weichen für Gymnasium, Real- und Hauptschule gestellt - häufig falsch und meist unwiderruflich für den Rest der Schulzeit. Wilfried Bos, Leiter der deutschen Iglu-Studie, übt jetzt harte Kritik an den Empfehlungen der Lehrer.

DPA
Grundschüler: Passable Leistungen beim Lesen
Wer verantwortlich bei einem internationalen Schulvergleich mitarbeitet, muss zunächst stumm bleiben. Monate- oder gar jahrelang horten die Bildungsforscher Daten, erstellen Statistiken, bauen Grafiken, basteln an allgemeinverständlichen und dennoch wissenschaftlich seriösen Zusammenfassungen. Und in der ganzen Zeit dürfen sie kein Wort über die Ergebnisse preisgeben. Ist die Untersuchung dann veröffentlicht, lassen die Wissenschaftler endlich ihre Zurückhaltung fahren - und setzen Kultusministern und Lehrern oft mit ihren Einschätzungen und bildungspolitischen Forderungen hart zu.

Das war bei Andreas Schleicher, dem internationalen Koordinator der Pisa-Studie bei der OECD in Paris, so wie beim deutschen Pisa-Leiter Jürgen Baumert. Und Wilfried Bos macht keine Ausnahme: Bis zur offiziellen Veröffenlichung der Iglu-Ergebnisse gab der Hamburger Professor für Internationale Bildungsforschung sich betont reserviert, jetzt mischt er sich mit deutlichen Worten in die Debatte über die deutschen Grundschulen ein.


Iglu-Studie: Kritik an Schulempfehlungen
Bos leitet den deutschen Teil der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung mit dem einprägsamen Kürzel Iglu. In einem bemerkenswerten Interview der "Zeit" verteilte er jetzt Noten: für die Grundschule eine Zwei minus, für die Sekundarstufe "mangelhaft, Klassenziel nicht erreicht". Über die positiven Ergebnisse der deutschen Grundschüler im Leseverständnis, in Mathematik und Sachkunde zeigt sich Bos sehr angenehm überrascht: "Ich wollte sie gar nicht glauben und habe die Rohdaten deshalb alle noch einmal nachrechnen lassen."

Umso härter geht er jetzt mit den Klassen fünf bis neun ins Gericht. "Da läuft in Deutschland irgendetwas schief." Die Klagen aus den weiterführenden Schulen über Schwächen der Grundschüler hält Bos für eine "schlichte Fehleinschätzung" und wirft den Lehrern vor, mit unterschiedlich leistungsstarken Schülern nicht umgehen zu können und Problemfälle einfach abzuschieben.


DDP
Iglu-Ergebnisse: Deutschland auf Platz 11
Im "Zeit"-Interview fordert der Hamburger Wissenschaftler mehr Kindergartenplätze und eine bessere Sprachförderung von Migrantenkindern, wie es in Schweden oder den Niederlanden der Fall sei. Den "eigentlichen bildungspolitischen Skandal" allerdings sieht er in den Entscheidungen nach der Grundschule: Kein anderes Land mit Ausnahme Österreichs sortiert die Schüler so früh wie Deutschland. Die Lehrer sprechen für jedes Kind Empfehlungen für die richtige weiterführende Schule aus - und liegen dabei offenbar häufig daneben.

"Schüler, die gerade einmal ein paar Sätze lesen und verstehen, bekommen eine Gymnasialempfehlung, während sehr gute Leser auf der Hauptschule landen", zürnt Bos. Korrigiert werden können solche Fehler kaum noch, weil das dreigliedrige deutsche Schulsystem wenig durchlässig ist: Ein Wechsel von der Haupt- auf die Realschule oder von der Realschule aufs Gymnasium sei sehr schwierig, der Abstieg in eine niedrigere Schulform dagegen komme häufig vor, so Bos.


DER SPIEGEL
Pisa-Studie: Unter ferner liefen
Dass die Fehlplatzierungen am Votum der Eltern lägen, hält der Bildungsforscher für "ein Märchen, das von Lehrern gern erzählt wird". Elternurteil und Lehrermeinung stimmten oft überein. Um die "diagnostische Kompetenz" der Lehrer zu verbessern, empfiehlt Bos allgemein verbindliche Bildungsstandards und frühe Tests. Das gegliederte System habe versagt, meint er - und spricht sich dennoch nicht eindeutig für Gesamtschulen aus, aber auf jeden Fall für eine weit größere Durchlässigkeit des Schulsystems nach oben.

Unterdessen melden sich auch die Kritiker an der Iglu-Studie zu Wort. Methodenkritik an statistischen Vergleichen in der Bildungspolitik ist ein altbekanntes Spiel; vielfach dient sie dazu, die Diskussion von den Inhalten auf die Verfahren umzuleiten, Ergebnisse zu relativieren oder zu entwerten. Zwei Punkte allerdings sind bei Iglu interessant: Einerseits wurden, anders als bei Pisa, nicht Schüler der gleichen Altersstufe, sondern der gleichen Klassenstufe untersucht. Die Lesetests absolvierten also Viertklässler - und die sind in Deutschland wegen der späteren Einschulung im Durchschnitt älter als in den meisten anderen Ländern.


ZUM THEMA IN SPIEGEL ONLINE
Iglu-Studie: Deutschland dankt den Knirpsen (08.04.2003)
Stress im Klassenzimmer: Jeder dritte Lehrer ist ausgebrannt (10.04.2003)
Iglu-Test: In den Grundschulen ist die Welt noch in Ordnung (07.04.2003)
Grundschulen: Nach Pisa-Frust keimt Iglu-Hoffnung (01.04.2003)
Deutsche Lehrer - eine Polemik: Überfordert, allein gelassen, ausgebrannt (18.03.2003)
Kellerkind Grundschule: Atlanten statt Klopapier [?] (04.11.2002)
Pisa und die Folgen: Wer nicht liest, bleibt dumm (03.02.2003)
Das Pisa-Paket: Wissen Sie mehr als ein Neuntklässler? (08.05.2002)
Special: Pisa, Schule, LehrerAndererseits gibt es Zweifel an der Vergleichbarkeit der Pisa- und der Iglu-Ergebnisse. Während Wilfried Bos wegen der zeitnahen Tests keine Probleme sieht und der Sekundarstufe ein überaus schlechtes Zeugnis ausstellt, warnt das Institut für Arbeit und Technik (IAT) vor vorschnellen Schlussfolgerungen. Das Argument der Gelsenkirchener Forscher: "In Iglu werden die deutschen Schüler mit einem völlig anderen Spektrum an Ländern verglichen als in Pisa." Nur 14 Ländern nahmen an beiden Studien teil, und nur unter ihnen hält das IAT einen seriösen Vergleich für möglich.

Und dann fällt das Iglu-Ergebnis etwas anders aus: Bei Pisa rangiert Deutschland auf Platz 10 von 14, bei Iglu etwas besser auf Platz 8 - aber immer noch unter dem Durchschnitt. Die IAT-Wissenschaftler befürchten, dass in der Bildungspolitik jetzt nur noch über die Sekundarstufe diskutiert und die bessere Förderung der Grundschulkinder schnell ad acta gelegt werden könnte.

Quelle: SCHÜLER-LOTTO
"Ein bildungspolitischer Skandal"
Von M. Leffers

Nach der Grundschule werden die Weichen für Gymnasium, Real- und Hauptschule gestellt - häufig falsch und meist unwiderruflich für den Rest der Schulzeit. Wilfried Bos, Leiter der deutschen Iglu-Studie, übt jetzt harte Kritik an den Empfehlungen der Lehrer.

DPA
Grundschüler: Passable Leistungen beim Lesen
Wer verantwortlich bei einem internationalen Schulvergleich mitarbeitet, muss zunächst stumm bleiben. Monate- oder gar jahrelang horten die Bildungsforscher Daten, erstellen Statistiken, bauen Grafiken, basteln an allgemeinverständlichen und dennoch wissenschaftlich seriösen Zusammenfassungen. Und in der ganzen Zeit dürfen sie kein Wort über die Ergebnisse preisgeben. Ist die Untersuchung dann veröffentlicht, lassen die Wissenschaftler endlich ihre Zurückhaltung fahren - und setzen Kultusministern und Lehrern oft mit ihren Einschätzungen und bildungspolitischen Forderungen hart zu.

Das war bei Andreas Schleicher, dem internationalen Koordinator der Pisa-Studie bei der OECD in Paris, so wie beim deutschen Pisa-Leiter Jürgen Baumert. Und Wilfried Bos macht keine Ausnahme: Bis zur offiziellen Veröffenlichung der Iglu-Ergebnisse gab der Hamburger Professor für Internationale Bildungsforschung sich betont reserviert, jetzt mischt er sich mit deutlichen Worten in die Debatte über die deutschen Grundschulen ein.


Iglu-Studie: Kritik an Schulempfehlungen
Bos leitet den deutschen Teil der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung mit dem einprägsamen Kürzel Iglu. In einem bemerkenswerten Interview der "Zeit" verteilte er jetzt Noten: für die Grundschule eine Zwei minus, für die Sekundarstufe "mangelhaft, Klassenziel nicht erreicht". Über die positiven Ergebnisse der deutschen Grundschüler im Leseverständnis, in Mathematik und Sachkunde zeigt sich Bos sehr angenehm überrascht: "Ich wollte sie gar nicht glauben und habe die Rohdaten deshalb alle noch einmal nachrechnen lassen."

Umso härter geht er jetzt mit den Klassen fünf bis neun ins Gericht. "Da läuft in Deutschland irgendetwas schief." Die Klagen aus den weiterführenden Schulen über Schwächen der Grundschüler hält Bos für eine "schlichte Fehleinschätzung" und wirft den Lehrern vor, mit unterschiedlich leistungsstarken Schülern nicht umgehen zu können und Problemfälle einfach abzuschieben.


DDP
Iglu-Ergebnisse: Deutschland auf Platz 11
Im "Zeit"-Interview fordert der Hamburger Wissenschaftler mehr Kindergartenplätze und eine bessere Sprachförderung von Migrantenkindern, wie es in Schweden oder den Niederlanden der Fall sei. Den "eigentlichen bildungspolitischen Skandal" allerdings sieht er in den Entscheidungen nach der Grundschule: Kein anderes Land mit Ausnahme Österreichs sortiert die Schüler so früh wie Deutschland. Die Lehrer sprechen für jedes Kind Empfehlungen für die richtige weiterführende Schule aus - und liegen dabei offenbar häufig daneben.

"Schüler, die gerade einmal ein paar Sätze lesen und verstehen, bekommen eine Gymnasialempfehlung, während sehr gute Leser auf der Hauptschule landen", zürnt Bos. Korrigiert werden können solche Fehler kaum noch, weil das dreigliedrige deutsche Schulsystem wenig durchlässig ist: Ein Wechsel von der Haupt- auf die Realschule oder von der Realschule aufs Gymnasium sei sehr schwierig, der Abstieg in eine niedrigere Schulform dagegen komme häufig vor, so Bos.


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Dass die Fehlplatzierungen am Votum der Eltern lägen, hält der Bildungsforscher für "ein Märchen, das von Lehrern gern erzählt wird". Elternurteil und Lehrermeinung stimmten oft überein. Um die "diagnostische Kompetenz" der Lehrer zu verbessern, empfiehlt Bos allgemein verbindliche Bildungsstandards und frühe Tests. Das gegliederte System habe versagt, meint er - und spricht sich dennoch nicht eindeutig für Gesamtschulen aus, aber auf jeden Fall für eine weit größere Durchlässigkeit des Schulsystems nach oben.

Unterdessen melden sich auch die Kritiker an der Iglu-Studie zu Wort. Methodenkritik an statistischen Vergleichen in der Bildungspolitik ist ein altbekanntes Spiel; vielfach dient sie dazu, die Diskussion von den Inhalten auf die Verfahren umzuleiten, Ergebnisse zu relativieren oder zu entwerten. Zwei Punkte allerdings sind bei Iglu interessant: Einerseits wurden, anders als bei Pisa, nicht Schüler der gleichen Altersstufe, sondern der gleichen Klassenstufe untersucht. Die Lesetests absolvierten also Viertklässler - und die sind in Deutschland wegen der späteren Einschulung im Durchschnitt älter als in den meisten anderen Ländern.


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Und dann fällt das Iglu-Ergebnis etwas anders aus: Bei Pisa rangiert Deutschland auf Platz 10 von 14, bei Iglu etwas besser auf Platz 8 - aber immer noch unter dem Durchschnitt. Die IAT-Wissenschaftler befürchten, dass in der Bildungspolitik jetzt nur noch über die Sekundarstufe diskutiert und die bessere Förderung der Grundschulkinder schnell ad acta gelegt werden könnte.




Quelle: http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,244243,00.html
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