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PISA/ IGLU 2007 - Alles besser oder nicht?

 
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Doris Carnap
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BeitragVerfasst am: 30.11.2007, 14:58    Titel: PISA/ IGLU 2007 - Alles besser oder nicht? Antworten mit Zitat

Hallo,

die Ergebnisse von PISA sollten erst am 4. Dezember veröffentlicht werden, hier ein Artikel aus der Franfurter Rundschau über aktuelle Diskussion:
Zitat:
Guter Platz bei Pisa
Alles besser oder doch nicht?

VON YVONNE GLOBERT

Auf die positive Nachricht folgt der politische Skandal: Wenige Tage vor der offiziellen Veröffentlichung der jüngsten Pisa-Ergebnisse sickerte durch, dass sich deutsche Schüler in den Naturwissenschaften von Platz 18 auf Platz 13 steigern und damit im oberen Viertel aller teilnehmenden OECD-Länder platzieren konnten. So weit, so schön. Weniger schön: Auf die frohe Kunde folgt die Forderung der Kultusminister der unionsgeführten Länder, Pisa-Koordinator Andreas Schleicher seines Amtes zu entheben.

Dieser hatte sich nach Bekanntwerden der Pisa-Ergebnisse in einer spanischen Zeitung via Fernsehinterview zur Neuplatzierung geäußert und allen, die nun zum Hosianna ansetzen mochten, kräftig in die Suppe gespuckt: Die Ergebnisse seien kein Beleg dafür, dass sich die Leistungen deutscher Schüler zwischen der aktuellen und der Vorgänger-Studie von 2003 verbessert hätten, so Schleicher. Schlicht deshalb, weil sich Umfang und Struktur des Tests, der nach Lesekompetenz und mathematischem Verständnis nun die Naturwissenschaften in den Fokus nimmt, stark verändert hätten. Ein direkter Vergleich mit früheren Ergebnissen sei daher nicht möglich.

In einer gemeinsamen Pressemitteilung äußerten nun die Kultusminister der unionsgeführten Länder ihren Unmut über "die Kommentierung durch den OECD-Mitarbeiter Schleicher". "Offenbar aus ideologischen Gründen könne Schleicher es nicht ertragen, wenn Deutschland im Bereich der Bildung durch erhebliche pädagogische Reformen besser geworden sei und sich nicht auf das Gleis der Schulstrukturdebatte begeben habe", so die Sprecherin der CDU/CSU-geführten Länder und hessische Kultusministerin Karin Wolff.

Dass sich Schleicher noch vor der offiziellen Veröffentlichung der Pisa-Ergebnisse am 4. Dezember zum Thema geäußert habe, werten nicht allein die Unionspolitiker als klaren "Regelverstoß". Dass sich nun ausgerechnet eine Person aus jenem OECD-Konsortium vorab zu Wort melde, das bei Indiskretion mit einer Konventionalstrafe drohe, gilt parteiübergreifend als "Skandal". Die Unionsländer fordern nun, Schleicher müsse von seinen Aufgaben bei der OECD entbunden werden.

"Die Vorwürfe sind völliger Quatsch", hält OECD-Pressesprecher Matthias Rumpf entgegen. Nicht Schleicher, sondern Spanien habe das Embargo gebrochen. Der Beschluss, sich nun ebenfalls zu den Ergebnissen zu äußern, sei auf Leitungsebene der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) entschieden worden.

Dass die Ergebnisse im Bereich der Naturwissenschaften nicht mit jenen aus dem Jahr 2003 zu vergleichen seien, habe Schleicher dabei schon zu einem früheren Zeitpunkt klar gemacht.

Die Naturwissenschaften bilden bei der neuen Pisa-Studie 2006 erstmals den Schwerpunkt. Damit ging laut OECD eine Neujustierung der Aufgabenstellungen einher. Erstmals wurden Schüler zu naturwissenschaftlichen Verfahren befragt. Neu waren auch Aufgaben aus dem Bereich der Umweltwissenschaften, die etwa den Klimaschutz tangierten. Vergleiche zwischen den einzelnen Studien seien in diesem Jahr allein möglich im Bereich Lesen und Mathematik, die in den Jahren 2000 und 2003 die jeweiligen Schwerpunkte bildeten. Dass sich ein Vergleich in den Naturwissenschaften dagegen nicht ziehen lässt, bezweifelt der Leiter der deutschen Pisa-Studie, Manfred Prenzel. Es sei lediglich die Rahmenkonzeption weiterentwickelt worden, so Prenzel gegenüber Welt online - "ohne Einfluss auf die Testergebnisse".

Insgesamt nahmen 57 Länder an der Pisa-Studie 2006 teil. Finnland geht auch in der dritten Runde im Schwerpunkt Naturwissenschaften als Sieger hervor; gefolgt von Hongkong und Kanada. Deutschland erreicht mit den Leistungen seiner 15-jährigen Schüler erstmals einen Spitzenplatz.

Die Vorabergebnisse werden bislang unterschiedlich aufgenommen: Der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sieht in den jüngsten Ergebnissen einen "Beweis für die Innovationskraft und Reformfähigkeit" deutscher Schulen. Dies sei umso erstaunlicher, als dass gerade in den Naturwissenschaften an vielen Schulen Lehrermangel herrsche.

Zugleich interpretieren die verschiedenen Bildungslager die neuen Ergebnisse je nach Gesinnung: Während Meidinger hervorhebt, die Studie strafe all jene Lügen, die entweder das gegliederte Schulwesen für reformunfähig erklärten oder ein Versagen der weiterführenden Schularten behaupteten, warnt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vor "zu viel Euphorie". Die großen Probleme des deutschen Schulsystems, vor allem die Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg, seien noch nicht gelöst, so Vize-Vorsitzende Marianne Demmer. http://www.fr-online.de/in_und_ausl....g/aktuell/?em_cnt=1250791

Doris
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Doris Carnap
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BeitragVerfasst am: 05.12.2007, 17:27    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

heute gab es drei Beiträge in der Frankfurter Rundschau zum Thema und ein Glückwunschbrief von der hessische Kultusministerin an die Schulleiter wegen des großartigen PISA Ergebnisses :
Zitat:
Pisa-Studie
Verpasste Chancen im Unterricht
VON JEANNETTE GODDAR
Nun ist es Gewissheit: Deutschlands 15-Jährige wissen viel über sauren Regen, den menschlichen Körper und den Weltraum. Schlauer geworden sind sie aber in den vergangenen sechs Jahren nicht. Den guten 13. Platz im Ranking der dritten Pisa-Studie verdankt das Land ausschließlich dem Schwerpunkt Naturwissenschaften. Nach Biologie, Physik und Chemie gefragt erwiesen sich die deutschen Schüler und Schülerinnen damit erstmals deutlich kompetenter als der OECD-Durchschnitt: Mit 516 Punkten sind sie diesem 16 Punkte oder ein knappes halbes Schuljahr voraus.

Alle anderen deutschlandtypischen Erkenntnisse, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gestern vorstellte, machen weniger Mut: Im Lesen, der Pisa-Schock-auslösenden Schwerpunktdisziplin von 2000, holte Deutschland mit 495 Punkten vier mehr als vor drei und elf mehr als vor sechs Jahren. Das sind so wenige Zusatzpunkte, dass es statistisch für die OECD nicht relevant ist - auch wenn das deutsche Pisa-Konsortium und vor allem die Kultusminister - das prompt anders interpretierten. In Mathematik kann eine Debatte über statistische Signifikanz nicht geführt werden: Dort holten deutsche Schüler nur einen Punkt mehr als 2003.
So früh wie Deutschland verteilt nur Österreich seinen Nachwuchs auf verschiedene Schultypen. Dass das nicht nur nach Talent, sondern auch nach Elternhaus geschieht, zeigt eine Woche nach der Grundschul-Leseuntersuchung Iglu auch Pisa: Kinder aus sozial schwachen Familien landen häufiger auf Schulen mit schlechteren Bildungsaussichten als Mittelschichtskinder.

Die Unterschiede zwischen den Schulen, auf die häufig ohne Wahlmöglichkeit verteilt wird, sind dabei enorm: Zwei Drittel der Unterschiede der Schülerleistungen in Deutschland sind auf Unterschiede zwischen den Schulen zurückzuführen. Im OECD-Mittel ist es nur ein Drittel. Für die massiven Unterschiede macht die OECD ohne große Umschweife auch "die frühe Aufteilung innerhalb des gegliederten Bildungssystems" verantwortlich.

Den Befürwortern der deutschen Vierteilung Sonderschule, Hauptschule, Realschule und Gymnasium nimmt die OECD nebenbei und ziemlich versteckt noch eine Waffe aus ihrem Arsenal: Laut Pisa fördert Selektion nicht einmal die Besseren. Finnland, das erneut die Pisa-Trophäe holte und dabei auf eine frühe Aufteilung von Schülern verzichtet, macht deutlich: Ein gegliedertes Schulsystem führt nachweislich nicht zu besseren Schülerleistungen. Gleiches gilt übrigens für Privatschulen: Auch in Deutschland unterscheiden sich Leistungen von Privatschülern und staatlichen Schülern nicht.

Als "das Problem des deutschen Bildungssystems" identifiziert Pisa die fehlende Chancengleichheit. Geradezu chancenlos schickt Deutschland mehrere Millionen Kinder aus zugewanderten Familien in das Leben. Genau genommen ist die Lage noch ernster: Je länger der Nachwuchs einer nichtdeutschen Familie schon in Deutschland lebt, desto schlechter ergeht es ihm.

Kinder der zweiten Generation, die hier geboren wurden und genau so lange eine deutsche Schule besuchen wie ihre Mitschüler, liegen in den Pisa-Antworten 97 Punkte zurück. 38 Punkte machen dabei statistisch den Lernzuwachs aus, den ein Schüler in jedem Schuljahr mitbekommt.

Das bedeutet: Der statistische 15-Jährige Frankfurter Türke gehört, gemäß seinen Kompetenzen, nicht in die neunte Klasse, sondern sitzt immer noch in der sechsten. Sein Altersgenosse, der im Ausland geboren wurde, ist wider jedes logische Denken nicht schlechter, sondern besser dran: er liegt "nur" zwei Schuljahre zurück.

Dass das nicht so sein muss, zeigt vor allem ein Blick in klassische Einwanderungsländer: In Australien, Neuseeland und Israel macht es sich gar nicht bemerkbar, wenn jemand im Ausland geboren wurde; in Kanada, dem Pisa-Dritten, beträgt der Rückstand relativ moderate 22 Punkte. Im OECD-Durchschnitt liegen Jugendliche aus dem Ausland mit 55 Punkten immer noch weniger zurück als in Deutschland. Vor allem aber schneiden in nahezu allen Ländern Kinder der zweiten Generation besser ab als Neuzuwanderer. Eine unrühmliche Ausnahme sind neben Deutschland die bei Pisa 2003 so hoch gelobten Niederlande.


Weltweit wurden für die dritte Pisa-Studie 400 000 Schüler in 57 Ländern befragt. In Deutschland nahmen 5000 Jugendliche an der internationalen Studie teil; zusätzlich gab es ein "Oversampling" für den Bundesländervergleich, der im Herbst 2008 vorgestellt wird.

http://www.fr-online.de/in_und_ausl....g/aktuell/?em_cnt=1253169


Ein Interview mit Klaus Klemm:
Zitat:
Bildungsexperte
"Langer Atem ist nötig"
Bildungsexperte Klaus Klemm im Interview mit der FR.

Professor Klemm, warum wird das deutsche Bildungssystem trotz Reformen kaum besser?

Ich glaube, die Erwartungen sind falsch. Wenn man beispielsweise ein neues Auto entwickelt, geht man selbstverständlich davon aus, dass dies mehrere Jahre dauert. Wieso sollten Reformen des Bildungssystems also so schnell wirken? Wir brauchen bei all dem einen langen Atem.
Das Bildungssystem ist also auf einem guten Weg?

Die aktuellen Studien zeigen, dass wir in den richtigen Bereichen anpacken. Aber über die Ergebnisse lässt sich nicht einfach auf richtige Schritte schließen. Beispiel Naturwissenschaften. Wenn es stimmt, dass wir hier besser geworden sind und wir gleichzeitig beim Leseverständnis und bei Mathematik weiter auf niedrigem Niveau herumdümpeln, dann ist erstaunlich, dass sich viele Reformschritte auf eine stärkere Evaluation beziehen, also auf Vergleichsarbeiten und zentrale Prüfungen. Davon sind die Naturwissenschaften aber nicht betroffen. Wir haben uns also in einem Bereich verbessert, in dem es kaum externe Evaluation gegeben hat.

Was müssen die nächsten Reform-Schritte sein?

Wenn man nicht nur Leistung, sondern soziale Selektivität berücksichtigt, dann müssen wir Vorschulkinder besser fördern, den Ganztagsunterricht stärker ausbauen, mehr Geld in Bildung investieren und das Selektionsalter hinausschieben. Das würde dafür sorgen, dass soziale Herkunft nicht mehr so stark Schulleistungen bestimmt.

Woran liegt es, dass diese alten Forderungen nicht längst umgesetzt sind?

Diese Forderungen wurden europaweit in den 60er Jahren umgesetzt. Das war in den meisten Ländern zu einem Zeitpunkt, als zwischen zehn und 15 Prozent eines Jahrgangs Schulen besuchten, die unserem Gymnasium entsprechen. Gegen diese Minderheiten konnte viel durchgesetzt werden. Heute müsste man viele der erwähnten Reformschritte gegen 30 bis 40 Prozent eines Jahrgangs durchsetzen. So viele gehen auf das Gymnasium, das dann abgeschafft werden würde.

Viele wollen immer noch das dreigliedrige Schulsystem, obwohl es Kinder von sozial Schwachen sowie den Nachwuchs von Mitbürgern mit Migrationshintergrund benachteiligt? Hat sich die Mittelschicht gegen die Unterschicht verbündet?

Es gibt keine Strategie, aber faktisch läuft es darauf hinaus. Sie eint das Ziel, die schulischen Privilegien ihrer Kinder zu verteidigen.

Wie lässt sich das Problem lösen?

Wir müssten die Strukturen ändern, also auf die Dreigliedrigkeit verzichten, wie es ein Teil der Welt bereits macht.

Was halten Sie von der Kritik an Pisa-Koordinator Schleicher und der Forderung, er solle zurücktreten?

Ich kann diese Kritik nicht teilen. Sie ist provinziell, weil sich deutsche Bildungspolitiker immer empören, wenn sie von internationalen Institutionen kritisiert werden. Zum anderen ist die Kritik unbegründet. Schleicher hat Ergebnisse kommentiert, die ohne sein Verschulden in der Öffentlichkeit waren.

Interview: Andreas Schwarzkopf
http://www.fr-online.de/in_und_ausl....g/aktuell/?em_cnt=1253170

Zitat:

Analyse
Null Grund zum Feiern
Von Yvonne Globert

Es ist ein bisschen so wie auf einer misslungenen Überraschungsparty: Die Torte steht schnittbereit, Ballons sind aufgeblasen, in Gedanken geht man noch einmal die Glückwünsche durch - und dann kommt der Jubilar gar nicht. Alles umsonst, zu früh gefreut. Musik wieder aus.

Bildungspolitiker, das lässt sich in diesen Tagen sehr schön beobachten, machen es anders: Sie feiern einfach weiter. Kaum sickerte durch, dass sich die deutschen Schüler in den Naturwissenschaften verbessert haben, ja ein im OECD-Vergleich überdurchschnittliches Ergebnis hinlegten, brach der Jubel los: "Wie ausgesprochen erfreulich" (so die hessische Kultusministerin Karin Wolff); "ein schöner und ermutigender Erfolg" (Bundesbildungsministerin Annette Schavan). Grund genug, sich selbst kräftig auf die Schultern zu klopfen: Die Reformen, die die Länder seit Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie auf den Weg gebracht hätten, begännen zu greifen, so KMK-Präsident Jürgen Zöllner.
Seit Dienstag liegt nun die neue Studie vor - und man muss kein Schwarzmaler sein, um festzustellen: Es gibt rein gar nichts zu feiern. Nur 22 Fragen zu Naturwissenschaften lassen sich zwischen Pisa 2006 und Pisa 2003 miteinander vergleichen. Hier haben sich die deutschen Schüler nicht verbessert. Dies gilt allein für Testteile, die neu hinzugekommen sind. Fazit: Die neuen Ergebnisse sagen praktisch nichts aus.

In Mathematik haben die 15-Jährigen binnen drei Jahren gerade mal einen einzigen Punkt zugelegt. Auch im Lesen sind die Verbesserungen läppisch und verweisen doch wieder nur auf eine mittelprächtige Kompetenz. Die Lust aufs Luftschlangenpusten vergeht dann ganz beim Stichwort Chancengleichheit: Nur in wenigen anderen Ländern spielt der sozioökonomische Status der Eltern nach wie vor eine so entscheidende Rolle für den Bildungserfolg eines Kindes.

Am härtesten trifft es - auch dies ist nicht neu - Schüler mit Migrationshintergrund. Und hier vor allem: die Kinder der zweiten Generation. Sie sind in Deutschland geboren und von Anfang an zur Schule gegangen. Verglichen mit einheimischen 15-Jährigen entsprechen ihre Leistungen etwa denen eines Sechstklässlers.

Vom Durchschnitt her betrachtet, spielt laut OECD dabei keine Rolle, ob Deutschland seine Schüler auf unterschiedliche Schultypen aufteilt. Unterschiede werden hier erst bei den besonders guten und besonders schlechten Schülern auffällig: Der Schulerfolg hängt stark mit dem Bildungshintergrund der Familie zusammen. Ist dieser eher dürftig, schaffen es die Schulen kaum, Defizite auszugleichen. Dass Erfolgssprünge durch Reformen denkbar sind, zeigt etwa das Beispiel Polen: Hier wurden Jugendliche nun ein Jahr später auf unterschiedliche Schultypen verteilt und legten punktemäßig kräftig zu. Wie sinnvoll es ist, Kinder länger gemeinsam lernen zu lassen, und dass sich so ein Leistungsgefälle verhindern lässt, hat gerade erst die Iglu-Studie gezeigt.

Doch an dieser Schraube wagt das Gros der Kultusminister noch nicht zu drehen. Lieber versuchen sie, jenen den Mund zu verbieten, die die gewünschten Erfolge nicht herbeireden mögen. Möglich, dass sie auch beim nächsten Mal wieder allein feiern müssen. http://www.fr-online.de/in_und_ausl....ommentare/?em_cnt=1253161


Und so gratuliert die hessische Kultusministerin per ?Schulleitungs-Info Extra? zu den guten Ergebnissen der IGLU- und der PISA-Studie und ist der Meinung: Deutschlands Schulen holen auf.

Zitat:
Sehr geehrte Damen und Herren,
in den vergangenen Tagen wurden unter großer Beachtung der Öffentlichkeit die Ergebnisse der dritten PISA-Studie und der zweiten IGLU-Grundschulstudie bekanntgegeben. Wir können überaus zufrieden sein, ohne uns zurückzulehnen. Im internationalen Vergleich haben die deutschen Schülerinnen und Schüler in beiden Studien deutlich zugelegt und bei IGLU und im PISA-Testbereich Naturwissenschaften sogar einen großen Sprung nach vorne gemacht. Unsere vielfältigen Anstrengungen zeigen somit sehr gute Wirkung.

Ich möchte Sie mit diesem Brief über die wichtigsten Ergebnisse beider Studien informieren ? verbunden mit meinem Dank an Sie und Ihre Kollegien für die immensen Anstrengungen in den vergangenen Jahren. Denn die gesteigerten Leistungen der Schülerinnen und Schüler, die sich nicht nur in den genannten Bildungsstudien zeigen, sind ein Resultat verbesserter Förderung und damit in erster Linie ein Verdienst der Lehrerinnen und Lehrer. Kurz gesagt: Anstrengung lohnt ? die Schülerinnen und Schüler werden es danken! Ich möchte Sie daher auch bitten, diesen Brief in den Lehrerzimmern Ihrer Schulen auszuhängen, damit diese Information und mein Dank alle Kolleginnen und Kollegen erreichen. Überdies bitte ich Sie um die Weiterleitung des Briefes an die Schulelternbeiräte....

Doris
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Doris Carnap
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BeitragVerfasst am: 10.12.2007, 14:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

zum Thema ein Interview mit dem Bildungsforscher Hans-Günter Rolff (Institut für Schulentwicklungsforschung, Uni Dortmund):
Zitat:

Pisa
"Ungenutzte Jahre"


Herr Professor Rolff, die Kultusminister werten die jüngsten Pisa-Ergebnisse als Beleg für einen Bildungsaufschwung in Deutschland. Sie auch?

Nein. Kleine Fortschritte werden schöngeredet, erfolgversprechende Maßnahmen nicht eingeleitet. Derartige Freudenausbrüche lenken davon ab, dass sich ausgerechnet in den Kernfächern Lesen und Mathematik seit sechs Jahren keine Fortschritte eingestellt haben und wir nach wie vor Weltmeister der Chancenungleichheit sind.

Was sind die Ursachen?

Man ist dem Irrglauben erlegen, mit Druck (Tests und Standards) und ohne Ausbau der Unterstützung für die Pädagogen etwas bewegen zu können. Wie aber sollen die Lehrer ihren neuen Aufgaben gerecht werden, wenn sogar die Mittel für die Fortbildung eingefroren werden? Andere haben das erkannt. Die Niederlande und ähnlich die Schweiz lassen sich die Fort- und Weiterbildung dreimal soviel kosten.

Oft war in den vergangenen Tagen von Geduld die Rede - in sechs Jahren könne man keine durchgreifenden Verbesserungen erwarten.

Auch das ist ein Irrtum. Nehmen sie das Beispiel England. Zwischen 1997 und 2002 wurde eine Leistungssteigerung von knapp20 Prozent in den Kernbereichen Lesen und Rechnen bei den Elfjährigen erreicht. Den Grundstein hat Tony Blair mit seiner Regierungserklärung vor zehn Jahren gelegt. Damals nannte er drei Prioritäten künftiger Arbeit: 1. education, 2. education und 3. education.

Was wollte Blair erreichen?

75 Prozent der Kinder im Rechnen und 80 Prozent im Lesen sollten innerhalb von fünf Jahren die oberen Kompetenzstufen vier und fünf auf einer Pisa-ähnlichen Skala erreichen. Die Ziele wurden nur minimal verpasst.

Was ermöglichte den Aufstieg?

Es war die nationale, parteiübergreifend unumstrittene Strategie, die zum Erfolg verhalf - die "National Literacy and Numeracy Strategy". Schulen mit schwierigen Ausgangslagen erhielten deutlich mehr personelle und materielle Ressourcen. Rund 300 Berater von Universitäten und pädagogischen Instituten zogen durch die Schulen, nicht um zu kontrollieren, sondern um Verbesserungsprojekte zu begleiten. Lehrer wurden massiv fortgebildet - Schwerpunkt diagnostische Kompetenzen. Ergänzend führte das Land die "Peers" ein. 2000 besonders qualifizierte Mathematik- und fast genauso viele Leseexperten standen als Ratgeber und Coaches für Kollegen zur Verfügung.

Lehrerfortbildung als Erfolgsgarantie?

Nicht nur. So wurden die Methoden erfolgreicher Schulen publik gemacht. Neue moderne Bücher und Materialien wurden entwickelt, Boosterklassen eingerichtet. Das sind Klassen mit Zusatzunterricht für Leistungsschwächere am Wochenende, nach dem Unterricht und in den Ferien.

Woran hapert es in Deutschland?

Fünf Jahre sind ziemlich ungenutzt verstrichen und noch immer reagieren die Kultusminister mit Beschwichtigungen. Nach drei Pleiten bei Pisa in den Kernbereichen Lesen und Rechnen kann es aber nun nicht mehr darum gehen, kleine Erfolge zu feiern. Eine Gesamtstrategie mit klaren Zielen muss her. So können Schulen tatsächlich in einem halben Jahrzehnt von schwachen in gute umgewandelt werden. Vorausgesetzt, die Schule kann auf Unterstützung setzen und nicht nur auf Mehrarbeit und Druck.

Interview: Stephan Lüke
http://www.fr-online.de/in_und_ausl....g/aktuell/?em_cnt=1255757

Doris
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