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G8-Reform - Wir brauchen echte Ganztagsschulen

 
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Petra Litzenburger



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BeitragVerfasst am: 04.02.2008, 18:16    Titel: G8-Reform - Wir brauchen echte Ganztagsschulen Antworten mit Zitat

Zitat:
stern.de - 4.2.2008 - 15:51


G8-Reform

Wir brauchen echte Ganztagsschulen


Ein Kommentar von Catrin Boldebuck

Das Kürzel "G8" steht nicht nur für Proteste am Zaun, sondern auch für eine völlig verfehlte Schulpolitik, die Schüler in verkürzter Zeit unter Hochdruck zum Abitur prügelt. Das G8-Abitur ist vielleicht das Beste für die Wirtschaft, für Schüler und Eltern aber sicher nicht.


G8 - bei dem Kürzel denken Schüler, Eltern und Lehrer nicht an Proteste am Zaun. Sie denken bei G8 an Schulstress und Leistungsterror. Und sie sind mindestens so wütend auf die Politiker wie die Demonstranten. Denn Schüler, Eltern und Lehrer leiden unter der Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur. Deshalb sprach TV-Talkmaster Reinhold Beckmann mit seinem Aufschrei: "Unsere Kinder sind völlig überfordert und total k.o.", so vielen aus der Seele.
35 Schulstunden, dazu täglich ein bis zwei Stunden Hausaufgaben plus Nachhilfe: Schüler am Gymnasium kommen locker auf eine 50-Stunden-Woche. Ein Erwachsener darf nicht länger als 40 Stunden arbeiten, sonst schreitet der Betriebsrat ein. Für Kinder gelten solche Schutzbestimmungen nicht.


Der Stoff wird zusammengepresst
Weil die Wirtschaft dringend Nachwuchs braucht, muss die junge Elite nach acht Jahren Abitur machen. Ihr wird ein Jahr geklaut. Der Stoff wird zusammengepresst. Denn die Zahl der Schulstunden bis zum Abitur bleibt gleich: 265 Jahreswochenstunden muss ein Schüler bis zum Abitur haben, so wollen es die Kultusminister. Deshalb haben die Klassen fünf bis zehn mehr Stunden als in der Oberstufe. Dann, wenn die Kinder bereits mit der neuen Schule, der neuen Klasse und der Pubertät kämpfen.
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Kantinen lösen das Problem nicht
Die Bildungsanstalten sind jedoch überhaupt nicht darauf eingestellt. An vielen Schulen gibt es auch vier Jahre nach Einführung der G8-Reform immer noch keine Schulkantine. Statt erst die Schulgebäude auszubauen und dann die Zeit bis zum Abi zu verkürzen, bauen sie jetzt erst um. Aber wenn die Kantine mal fertig ist, ist das Problem nicht gelöst.

Sicher müssen auch die Lehrpläne entrümpelt werden. Aber das allein reicht nicht. Wir brauchen endlich echte Ganztagsschulen. Schulen, an denen der Unterricht sinnvoll über den Tag verteilt wird. Mit Doppelstunden, damit Schüler und Lehrer Zeit gewinnen und nicht alle 45 Minuten unterbrochen werden. Dazwischen brauchen sie Pausen für Bewegung und gesundes Essen. Und selbstverständlich gibt es Zeit für Fußball und Flöten. So würde Schule endlich wieder Spaß machen.


15 Milliarden Euro für Bildunsgpersonal
Jede sechste Schule in Deutschland nennt sich Ganztagsschule. Doch nur 2000 davon sind echte, "gebundene" Ganztagsschulen - das heißt der Unterricht dauert für alle bis in den Nachmittag. Doch mehr Lehrer, mehr Personal und mehr Kantinen kosten Geld: mindestens 15 Milliarden Euro, schätzen Bildungsexperten.

Das Geld wäre gut angelegt. Wenn die Schule den ganzen Tag dauert, hängen die Zukunftschancen eines Kindes nicht mehr davon ab, ob mittags Mama zu Hause wartet, um Vokabeln für die Lateinarbeit abzufragen. Stattdessen würden die Arbeiten in der Schule gemacht dort, wo sie hingehören. Laut einer neue Studie des Instituts für Berufliche Fachrichtungen von der TU Dresden haben Hausaufgaben keinen Einfluss auf die Noten. Sie sind ein pädagogisches Ritual. Aber das ist ein anderes Thema.


Frauen fallen als Hilfslehrer der Nation aus
Zurück zu den Vorteilen der Ganztagsschule. Immer mehr Frauen wollen arbeiten und sie müssen es auch. Denn nach dem neuen Scheidungsrecht bekommen Mütter mit schulpflichtigen Kindern in Zukunft keinen Cent mehr vom Ex. Das wird die Gesellschaft gründlicher verändern als die Pampersprämie für Väter. In Zukunft fallen die Frauen als Hilfslehrer der Nation aus, weil sie sich um ihre Jobs kümmern müssen. Auch deshalb müssen die Schulen bis in den Nachmittag dauern.

Wenn meine Tochter, die in die erste Klasse geht, in drei Jahren eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommt, dann werde ich sie nicht aufs Gymnasium schicken. Den Stress will ich ihr und unserer Familie nicht antun. Ich werde mit ihr eine Gesamtschule suchen. Dort bekommt sie ein Jahr länger Zeit fürs Abi. Und die meisten Gesamtschulen sind schon jetzt Ganztagsschulen. Hoffentlich kriegen wir einen Platz.


Quelle: http://www.stern.de/politik/deutsch....nztagsschulen/609777.html
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BeitragVerfasst am: 06.02.2008, 09:03    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Das G 8 und der Denkmalschutz
Die verkürzte Abiturzeit schadet nicht nur Kinderseelen
Von Ludwig Eckinger

Schulzeit ist Lebenszeit. So konnte auf die Dauer nicht verborgen bleiben, dass in den meisten Ländern nicht nur Europas die Hochschulreife bereits mit 18 Jahren erworben werden kann. Nach der deutschen Vereinigung 1990 wurde zwar versucht, das Thema in Deutschland nicht hochkommen zu lassen. Ein Abitur nach zwölf Schuljahren wurde als harscher Qualitätsschwund abgelehnt, aber der Versuch war zum Scheitern verurteilt. Sachsen und Thüringen beharrten auf einem Abitur mit 18, wie das auch in der DDR Realität gewesen war. Einige andere Bundesländer vollführten beachtliche Zickzackkurse ? immer auf Kosten der Schülerinnen und Schüler. Inzwischen besteht auf der bildungspolitischen Ebene weitestgehend Einigkeit, dass die Hochschulreife mit 18 Jahren auch für Deutschland auf der Agenda steht. Inzwischen wird sogar so getan, als ob der Untergang des Abendlandes nur durch das achtjährige Gymnasium ( G 8 ) aufzuhalten wäre. An der Spitze der Bewegung stehen Bayern und Hessen. Das Gymnasium macht indes vor allem Schlagzeilen mit magenkranken und kopfschmerzgeplagten Schülerinnen und Schülern sowie entnervten Eltern.

Was hier geschieht, ist exemplarisch für die deutsche Bildungspolitik. Stets wird das Bildungssystem von oben nach unten gedacht und verordnet. Ohne sorgfältige Analyse der Situation, ohne Klärung nötiger Rahmenbedingungen und ohne den Dialog mit den Expertinnen und Experten, den Lehrerinnen und Lehrern, zu suchen, wurde das G 8 aus dem Boden gestampft. Die überstürzte Einführung des G 8 steht dafür, dass es nicht um die individuellen Bildungsinteressen der Schülerinnen und Schüler geht, nicht um den pädagogischen Auftrag des Gymnasiums, sondern einzig um den formalen Erhalt der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Hochschulreife. Am Monument des deutschen Abiturs soll nicht Hand angelegt werden. Die Bildungspolitiker sorgen sich weitaus mehr um das Wohl dieses Abschlusses als um das Wohl der Schülerinnen und Schüler. Auch lässt sich keinerlei Respekt gegenüber den Lehrerinnen und Lehrern erkennen, denen die Reform vor die Füße gekippt worden ist.

Diese verquere Denkungsart der Bildungspolitik blendet aus, dass die Schule, auch das Gymnasium, nur eine Phase lebenslangen Lernens darstellt. Keine Schule der Welt kann und soll dem Anspruch auf »Bildungsvollständigkeit« genügen. Die G-8-Politiker aber setzen darauf, dass ein fixes Quantum an Wissensmasse angehäuft werden muss, um reif zu werden. Also gelten die bisherigen Stoffpläne in ihrer ganzen Fülle als unantastbar, wohingegen zur Vermittlung ein Schuljahr ministeriell gestrichen wurde. Schlagartig gerieten die betroffenen Gymnasien in die Position des Zauberlehrlings, allerdings ohne Hoffnung auf den alten Meister, der die Fluten stoppen kann.

Es ist nicht damit getan, dem G 8 wieder ein Jahr zurückzugeben oder etwa Stoff aus dem Gymnasium schon in die Grundschule vorzuverlegen. Auf bildungspolitischer Ebene muss anerkannt werden, dass alle Schulen Häuser des Lernens sind, und auch das Gymnasium die Chance zur pädagogischen Reform bekommen muss. Ob G 8 oder G 9, es ist in Deutschland eine Schulart, die sich ihrer Schüler entledigen darf. Die jetzige G-8-Reform ist dazu angetan, den Versagensdruck noch einmal zu erhöhen und damit genau den falschen Leistungsimpuls zu setzen. Im Gymnasium müssen wie in allen anderen Schulen ebenfalls Bedingungen zur individuellen Förderung der Schülerinnen und Schüler geschaffen werden. Zahlreiche Gymnasien haben sich inzwischen allein auf diesen Weg gemacht. Die G-8-Reform weist in die entgegengesetzte Richtung und droht, hoffnungsvolle Schulentwicklungen auszubremsen und das Pauken als Nonplusultra zu rekultivieren. Auch von der Bildungspolitik darf man doch eigentlich das pädagogische Prinzip des Förderns und Forderns erwarten.

Alle Schulen müssen die Botschaft vermitteln: Jeder ist wichtig, jeder ist immer auf der Suche und er muss dabei lernen, immer wieder neue Schwerpunkte zu setzen. Das ist ein Lebensprinzip, das auch den kompetenten Studienanfänger ausmachen muss. Studierfähigkeit zu erwerben, heißt, in der gymnasialen Oberstufe Interdisziplinarität, anwendungsorientiertes Lernen, soziales Handeln zu praktizieren. Auch wenn es manchen Lehrplanautoren kalt über den Rücken läuft, es gilt, das exemplarische Lernen zu entdecken und zu kultivieren. Der Mut zur Lücke impliziert den Mut zur Gründlichkeit. Die Stoffpläne des Gymnasiums sind deshalb nicht heilig, sie müssen hinterfragt und »entrümpelt« werden. Von uns Lehrern wird mit Recht erwartet, dem Einzelkämpfertum abzuschwören. Für Teamgeist müssen aber ebenso die Stoffpläne stehen.

Die einzelnen Unterrichtsfächer müssen miteinander in Beziehung gesetzt werden, zueinander Beziehungen aufnehmen. Es muss darum gehen, zum Denken zu befreien und nicht die Kultur des Paukens wiederzubeleben. Der Anspruch an den Unterricht ist dementsprechend hoch. Guter Unterricht muss Denken in Zusammenhängen provozieren. Dafür muss Zeit gegeben sein, den Lernenden wie den Unterrichtenden. Und die Anforderungen an die Lehrerinnen und Lehrer müssen auch die Anforderungen an die Lehrerausbildung sein, wovon die Realität noch weit entfernt ist.

Interdisziplinarität, im Wissenschaftsbetrieb unangefochtenes Prinzip, ist im Gymnasium noch eine Seltenheit. Dass es aber gelingen kann, machen andere Schularten inzwischen mit Erfolg vor. Die Grundschulen zum Beispiel sind solche pädagogischen Orte fachübergreifenden Lernens, in dessen Mittelpunkt das Kind und seine individuellen Fähigkeiten steht. Die Kinder erfahren die Freude am Entdecken, am Erkennen und sich Ausprobieren. Die Internationale Grundschulstudie IGLU bestätigt den Erfolg dieses Weges. Als übrigens aus Kostengründen die Politik den Grundschulen vor Jahren Stundentafelkürzungen verordnete (die inzwischen weitgehend rückgängig gemacht worden sind), gab es keinen auch nur im Ansatz vergleichbaren Aufschrei in der Öffentlichkeit wie jetzt beim G 8. Das ist aus zweierlei Gründen bemerkenswert. Zum einen traute man den Grundschulen offenbar zu, damit umgehen zu können. Zum anderen betraf es »nur« die Grundschule, die in der deutschen Schulpyramide zwar das Fundament ist, aber aus der Sicht von oben nach unten weit weg ist.

Tatsache ist, das Gymnasium als »höhere Lehranstalt« fällt nicht unter den Denkmalschutz. Es muss sich als eine Schule in der Sekundarstufe profilieren, die zur Hochschulreife führt. Aber die jetzige G-8-Reform, auch wenn sie durch den Blick nach Europa ausgelöst worden ist, könnte das Gymnasium wieder zur »höheren Lehranstalt« deformieren.

Der Autor ist Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Von 1982 leitete er eine Grundschule im bayerischen Saal an der Donau.

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/123262.html

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BeitragVerfasst am: 06.02.2008, 18:50    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

das Thema des Tages in der heutigen Frankfurter Rundschau: G8.

Zitat:
Turbo-Abitur
Arbeitszeiten wie ein Manager

VON MARTIN MÜLLER-BIALON

Björn ist der Dumme. Der fünfjährige Bub kommt kaum noch vor die Tür. Früher, da ist seine Mama jeden Tag mit ihm auf den Spielplatz gegangen. Jetzt ist das vorbei, Stubenhocken ist angesagt. Und das nur wegen der großen Schwester.

Björns große Schwester Luisa ist elf, und sie ist ein G 8-Kind. Ihr Stundenplan für das verkürzte Abitur ( G 8 ) an einem Frankfurter Gymnasium sieht für die sechste Klasse 35 Wochenstunden vor, in Klasse sieben werden es 36 sein. Dazu kommen noch die Hausaufgaben. Das ist mehr als eine 40-Stunden-Woche.

"Diesem Stundenplan", sagt Mutter Elvira Wegner (alle Namen geändert), "wird alles komplett untergeordnet." Mal mit den Kindern ins Schwimmbad oder ins Museum gehen, so wie sie es früher gemacht haben, das ist nicht mehr drin. "Wir sind jetzt meistens zu Hause", sagt die Mutter.

Umstrittene Lehrpläne
In Bayern und Hessen gelten auch vier beziehungsweise drei Jahre nach dem Start der verkürzten Gymnasialzeit ( G8 ) noch die alten Lehrpläne.

In Hamburgsoll zum 1. August 2008 ein verkürzter Lehrplan eingeführt werden - sechs Jahre nach G 8.

In Niedersachsen kündigte Ministerpräsident Christian Wulff jetzt eine Entrümpelung des Lehrplans an ? vier Jahre nach Einführung von G 8.

Auch Thüringen hat sich reichlich Zeit gelassen und plant mehr als fünf Jahre nach G 8 eine Umstrukturierung.

In Mecklenburg-Vorpommern sind die Lehrpläne sechs Jahre nach G 8 unverändert. Auch Sachsen-Anhalt sieht keine Reform vor. Bremen will die Erfahrungen anderer abwarten.

In Brandenburg ist kurz nach G 8-Einführung die Umstrukturierung in vollem Gang. Auch Schleswig-
Holstein plant gleichzeitig mit G 8 eine inhaltliche Veränderung.

In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen wurden mit dem Turbo-Abitur neue Bildungspläne beschlossen, doch einigen Kritikern ging dies nicht weit genug.

Aus Berlin, Rheinland-Pfalz und dem Saarland gab es keine Angaben.
Oder in der Schule. Zweimal pro Woche hat Luisa Unterricht bis 15.20 Uhr. Wenn die Elfjährige dann um kurz nach 16 Uhr nach Hause kommt, muss sie noch Hausaufgaben machen. "Da geht sie auf dem Zahnfleisch", sagt Elvira Wegner. Mit den Hausaufgaben muss sich Luisa beeilen, denn um 18 Uhr ist Training, sie spielt leidenschaftlich gerne Fußball. Der enge Zeitplan ist nur mit dem Eltern-Taxi zu packen. Mama Wegner kutschiert ihre Tochter zum Sportverein und wieder nach Hause. Danach, gegen 20 Uhr, fällt Luisa müde ins Bett. Einige ihrer Mitschüler haben sich bereits vom Sportverein abgemeldet.

Zwar ist nicht jeder Wochentag so verplant. Und in diesen Wochen, wo gerade ein neues Halbjahr beginnt, "ist der Stress auch nicht so groß", sagt Wegner. "Aber schon bald beginnt die Mühle wieder von vorne." Der hessische G 8-Lehrplan schreibt für die sechste Klasse drei Klassenarbeiten je Hauptfach und Halbjahr vor, in den Nebenfächern sind es zwei. Luisas erste Fremdsprache ist Französisch, zusätzlich hat sie Englisch schon ab Klasse fünf.

Wenn's ums Lernen für die Klassenarbeiten geht, wird Mamas Hilfe gebraucht. Dabei hat Luisa noch Glück - Elvira Wegner ist selbst Lehrerin. Weil sie einen Zeitvertrag hat, möchte sie nicht, dass ihr Name in der Zeitung steht. Dass die G 8-Kinder in der Schule nicht Lernen lernen, versteht sie nicht. "Methodenlernen kommt nicht vor." Stattdessen werden Ratgeber-Hefte verteilt, in denen Tipps wie "Lerne nie zwei Sprachen gleichzeitig" stehen. Elvira Wegner kann da nur lachen: "Was soll meine Tochter denn machen, wenn Englisch- und Französisch-Arbeiten in einer Woche geschrieben werden?" Manchmal ist Luisa verzweifelt, berichtet ihre Mutter: "Dann sagt sie: ,Ich bin zu blöd, ich schaff' das nicht.'" Dabei ist sie keine schlechte Schülerin, sie liegt bei den Noten zwischen gut und befriedigend.

Seine Freundinnen trifft das Mädchen fast nur am Wochenende. "Da stimmt doch was nicht", sagt die Mutter, "Schule soll aufs Leben vorbereiten, sie ist aber doch nicht das Leben." Dass die Noten ihrer Tochter in letzter Zeit schlechter werden und auch mal bei Klassenarbeiten eine Vier dabei ist, sieht die Lehrerin gelassen. "Wenn sie es nicht schafft, dann bleibt sie eben kleben. Und dann hat sie G 9."

Björn, Luisas kleiner Bruder, wird in diesem Jahr eingeschult. Elvira Wegner hofft nun, dass bei der angekündigten G 8-Reform die Belastungen anders gesetzt werden. "Noch mal will ich das nicht mitmachen." http://fr-aktuell.de/in_und_ausland....k/aktuell/?em_cnt=1283508



Zitat:
Zurück in die Zukunft
Kein Murren in Sachsen über das schnelle Abitur

VON BERNHARD HONNIGFORT

Als 1989/90 die DDR unterging, versank mit ihr auch das gefürchtete zentralistische Bildungssystem der Margot Honecker. Aus der DDR wurde Ostdeutschland, die fünf neugebildeten Länder konnten fortan Schulpolitik treiben, wie es ihnen gefiel. Nur Sachsen blieb bei der Reifeprüfung nach zwölf Jahren ganz nach der ostdeutschen Volksweisheit: "Es war nicht alles schlecht."

18 Jahre nach der Wiedervereinigung und mehreren Pisa-Schocks hat sich der sächsische Weg durchgesetzt. Zwölf Jahre werden zur Regel. "Wir haben eine gute alte DDR-Tradition weiterleben lassen", sagt Dirk Reelfs, Sprecher des Kultusministeriums in Dresden.

Nicht alles in 12 Jahre packen

Anders als in Hessen, Baden-Württemberg oder Bayern, wo gerade mit Eifer über das Für und Wider des "Turbo-Abis" und Pannen bei dessen Einführung debattiert wird, hat es derlei Diskussionen in Sachsen nie gegeben. Vor vier Jahren entschlackte Sachsen den Lehrplan. Man habe nicht in zwölf Jahre das Lehrprogramm von 13 Jahren verpackt, sagt Reelfs. Dennoch, Schüler und Eltern bestätigen: "Hier kriegt man sein Abitur nicht nachgeschmissen."

Lehrpläne, Inhalte, zwölf Jahre - all das spielte in den Schuldebatten der Vergangenheit kaum eine Rolle. Sachsen hatte andere Probleme. Menschen wanderten ab, es gab in den Neunzigern einen gewaltigen Geburtenrückgang, der zu Lehrerentlassungen und Schulschließungen führte. In den vergangenen 17 Jahren sind in Sachsen rund 1000 Schulen geschlossen worden. Und nicht nur dort.

Eine Debatte über Sinn oder Unsinn des zwölfjährigen Abiturs gebe es in Sachsen nicht. Habe es auch nie gegeben, sagt Gisela Grüneisen, Vorsitzende des Landeselternrates. "Die Eltern kennen es hier nicht anders, die Lehrer auch nicht. Das ist hier gottgegeben." Zudem war Kurt Biedenkopf zwölf Jahre Ministerpräsident mit absoluter Mehrheit: Er war immer für das schnellere Abi. Gegen zwölf Schuljahre hat Grüneisen auch nichts einzuwenden. Sie würde sich wünschen, der Schulbetrieb wäre nicht so fixiert auf schriftliche Tests. Eine Verbesserung der Einzel-Förderung, mehr exemplarisches Lernen statt Detailwissen pauken - das sind Verbesserungen, die sich die Eltern wünschen. "Aber so lange Sachsen bei Pisa gut abschneidet", sagt Grüneisen, "ist es schwierig, Verbesserungen durchzusetzen."

Während Sachsen bei seinem Stiefel bleibt, tut sich einiges im Osten: die Wende von der Wende. "Nach den Pisa-Studien und anderen Debatten über die kürzeren Schulzeiten im Ausland, ist hier alles stärker unter Druck geraten", sagt Brandenburgs Kultus-Sprecher Stephan Breiding. Nun geht es zurück in die Zukunft, dorthin, wo die DDR, was die Schulzeit betrifft, schon war.
http://fr-aktuell.de/in_und_ausland....k/aktuell/?em_cnt=1283510


Zitat:
Nachhilfe für Bayern
Vier Jahre nach G 8 muss die CSU nachbessern

VON IRIS HILBERTH

München. Immer dann, wenn mal wieder Pisa-Ergebnisse den Bayern ein gutes Abschneiden ihrer Schüler bescheinigen, steht da in München ein vor Stolz strotzender Kultusminister und verkündet: Seht her, wir Bayern, wir wissen, wie es geht. Dass aber die Menschen im Freistaat sehr unzufrieden sind mit der Schulpolitik der CSU, wird dabei gerne übersehen.

Erst in diesem Januar hat eine Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des BR-Politikmagazins "kontrovers" wieder bestätigt: Das seit seiner übereilten Einführung im Schuljahr 2004/2005 recht umstrittene achtjährige Gymnasium finden 57 Prozent der Bayern nicht gut, es gehe "in die falsche Richtung" sagen sie.

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Es war Edmund Stoiber, der damals als Ministerpräsident in der für ihn bekannten Hauruck-Methode den bayerischen Gymnasien das 13. Schuljahr strich. "So schnell geht das nicht", hatten Experten gewarnt. Immer wieder machen seit der Einführung Kritiker des G 8 auf die Probleme aufmerksam: Überlastung der Schüler durch Nachmittagsunterricht, eine kaum zu bewältigende Stofffülle aufgrund überladener Lehrpläne, in der Anfangszeit auch fehlende Mensen für das Mittagessen. Denn die mussten in den klassischen Halbtagsschulen schließlich erst noch gebaut werden. Was sonst in neun Jahren gelernt wurde sollte jetzt in acht durchgenommen werden.

Der Gymnasiallehrer Michael Steinbacher aus Dettelbach im Landkreis Kitzingen initiierte 2005 ein Volksbegehren für die Rückkehr zum G 9, scheiterte allerdings. Die Unterschrift von zehn Prozent der Wahlbeteiligten wäre nötig gewesen, um einen Bürgerentscheid herbeizuführen, aber nur 2,4 Prozent hatten sich in die Listen eingetragen. Ein Jahr später hatte ein besorgter Familienvater aus Neusäß bei Augsburg versucht, gerichtlich gegen das achtjährige Gymnasium vorzugehen. Er war der Meinung, die "exzessive Ausweitung der Unterrichtszeit" stelle einen Eingriff in das Erziehungsrecht der Eltern dar und die dauernde Überbelastung durch den Nachmittagsunterricht gefährde die Gesundheit der Kinder. Die Richter am Verfassungsgerichtshof sahen das aber nicht so.

Prüfungen verschoben

Das bayerische Kultusministerium verteidigt weiterhin die rasche Einführung des G 8, weil man nur so mit der internationalen Entwicklung Schritt halten könne. Allerdings hat man im Hause Siegfried Schneiders (CSU) mittlerweile eingesehen, dass hier einiges nachgebessert werden muss. Das Problem des doppelten Abiturjahrgangs 2011 versucht man zu lösen, indem der G 9-Jahrgang vor Ostern seine Prüfungen ablegt, während die G 8-Abiturienten erst nach Pfingsten fertig werden und im Wintersemester an die Uni wechseln. Auch der Lehrplan soll bis März entrümpelt werden. http://fr-aktuell.de/in_und_ausland....k/aktuell/?em_cnt=1283507


Zitat:
In Hessen alles unklar
Zukunft von G 8 hängt an der nächsten Regierung

VON PETER HANACK

Haben Eltern Roland Koch abgewählt? Einiges spricht dafür, dass die massive Unzufriedenheit mit der hessischen Bildungspolitik unter Koch und seiner Kultusministerin Karin Wolff die CDU selbst im Lager der eigenen Stammwähler Zigtausende Stimmen gekostet hat. Vor allem gegen das Turbo-Abitur ( G 8 ) und seine Folgen richteten sich die Proteste von Schülern, Eltern, Lehrern bis hin zum konservativen Philologenverband, in dem die Gymnasiallehrer organisiert sind.

In Hamburg, wo am 24. Februar gewählt wird, steht das Thema Bildung zwar nicht so im Mittelpunkt wie in Hessen. Aber laut einer neuen Umfrage von Infratest Dimap steht für 42 Prozent der Hamburger die Situation an Schulen und Unis an erster Stelle.

Was in Hessen jetzt passieren wird, ist noch nicht klar. Geht es nach SPD-Chefin Andrea Ypsilanti, wird G 8 bereits vom nächsten Schuljahr an abgeschafft. Drei Schülerjahrgänge würden dann in acht Gymnasialjahren zum Abitur geführt, die Generationen davor und danach hätten neun Jahre Zeit. Damit aber auch hessische Schüler nach zwölf Schuljahren die allgemeine Hochschulreife erlangen können, will die SPD eine flexible Schuleingangsstufe einführen, die ein bis drei Jahre dauern kann. Außerdem soll die Oberstufe auch in zwei bis zweieinhalb Jahren absolviert werden können.

Einen Bündnispartner in dieser Frage hat die SPD einzig in der Linken. Auch sie steht für die schnellstmögliche Abschaffung von G 8. Anders die Grünen. Sie wollen es den Schulen, Kommunen und Eltern überlassen, ob das Gymnasium in acht oder neun Jahren zur Reifeprüfung führen soll. Auf Konkurrenz setzt auch die FDP. Allerdings halten die hessischen Freidemokraten am Turbo-Abitur grundsätzlich fest. Nur die Kooperativen Gesamtschulen sollen - wie bereits heute die Integrativen Gesamtschulen - eine neunjährige Gymnasialzeit bieten.

Alles beim Alten bliebe in Hessen, wenn es nach der CDU ginge. Kochs und Wolffs Rezept: Unterrichtsstunden reduzieren, Lehrplan ausdünnen. Die gestrafften Lehrpläne sollen vom neuen Schuljahr an gelten. Als Soforthilfe gegen zu große Belastungen der Schüler hat Wolff schon vor den Wahlen eiligst einen Erlass an die Schulen versandt: Per Order aus dem Kultusministerium ist zu viel Unterricht am Nachmittag in den Klassen 5 bis 7 nun verboten, und die Lehrkräfte sollen die Menge an Hausaufgaben im Rahmen des Erträglichen halten. http://fr-aktuell.de/in_und_ausland....k/aktuell/?em_cnt=1283509

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BeitragVerfasst am: 09.02.2008, 11:03    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
TELEPOLIS

Überlastete Schüler und Politiker auf Entrümpelungstour


Thorsten Stegemann 06.02.2008
Niedersachsens wiedergewählter Ministerpräsident Christian Wulff will ein "menschlicheres" Gymnasium. Eine grundlegende Schul- und Bildungsreform lehnt die CDU allerdings weiterhin ab
Zuhauf beschwerten sich Eltern, Schüler und Lehrer bei der niedersächsischen Landesregierung: Seit der Verkürzung der Abiturientenschulzeit auf 12 Jahre seien vor allem die Fünft- und Sechstklässler mit einem so strammen Arbeitspensum belegt worden, dass Freizeitaktivitäten auf der Strecke blieben. Nach der Wiederwahl zeigt sich Landesvater Christian Wulff nun von seiner milden Seite. "Die organisatorischen Reformen sind abgeschlossen, jetzt geht es um die pädagogischen", erklärte (1) der Ministerpräsident Anfang der Woche den Redakteuren der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.

Ende dieses Monats will er seine Vorstellungen in einer Regierungserklärung präzisieren, denn Ideen habe er "da so einige". Wer seine Neugier bis dahin nicht zügeln kann, erfährt aus dem Vorabbericht schon einmal, wohin sich Niedersachsens Gymnasien entwickeln sollen. "Neue Lernformen" möchte Wulff den Schülern nahebringen, und zählt dazu "projektbezogenen Unterricht". Außerdem soll die Klassenstärke reduziert und mehr Förderunterricht erteilt werden. Zu guter Letzt will der Ministerpräsident die viel zitierte Integration bereits in der Schule beginnen lassen, erklärte er anlässlich einer Stippvisite im Hamburger Wahlkampf. Ausländische Kinder sollen die gleichen Bildungschancen haben und deshalb so früh wie möglich mit der deutschen Sprache vertraut gemacht werden.

Parteifreund Roland Koch träumte vor nicht allzu langer Zeit noch von pädagogisch wertvollen Aufenthalten in Sibirien und einheimischen Erziehungscamps, doch mit dieser Strategie ist die CDU bekanntlich nicht sonderlich gut gefahren. Wulff setzt nun also auf den grundsätzlich mehrheitsfähigen Vorschlag, Schulen zu Stätten der Begegnung zu machen und insbesondere die Gymnasiasten vor übermäßigem Stress und Leistungsdruck zu bewahren.

Wenn es nach dem neuen Hoffnungsträger und seinem Kultusminister Bernd Busemann (CDU) geht, kann die Kultusministerkonferenz (2) sogar die Grenze von 265 Jahreswochenstunden, die bis zum Abitur vorgeschrieben sind, senken. Bei acht Jahren Gymnasium hätten die Schüler ansonsten 33 Stunden Unterricht zu absolvieren, rechnen die Unionspolitiker vor. Die G8-Reform, die Kinder in 12 Jahren zum Abitur bringen und der Wirtschaft schneller die High Potentials zur Verfügung stellen soll, kann in der Realität also ohne weiteres zu einer 50-Stunden-Woche für Schülerinnen und Schüler führen.

Doch wenn die Zahl der Jahreswochenstunden deutlich reduziert werden soll, muss gestrichen werden. "Entrümpelung" nennt Busemann das, weiß allerdings nicht so recht, wo denn der nicht mehr allgemeinbildende Sperrmüll abgeholt werden könnte. "Sollen wir Algebra im Mathematikunterricht streichen und in Geschichte den ersten Weltkrieg weglassen?" fragte der Kultusminister vor Wochenfrist. Keine schlechte Idee, denn Geschichtskenntnisse sind bekanntlich relativ und selektiv (3) und laufen überdies Gefahr, den Raum der Realhistorie unversehens zu verlassen (4).

In unmittelbarer Nähe des Busemannschen Einflussbereichs kursieren weitere interessante Vorschläge. Vielleicht, so eine Idee (5) aus Nordrhein-Westfalen, könnten die Schulbuchverlage in Zukunft markieren, welche Themen im Unterricht behandelt werden sollen und welche dem engen Zeitplan geopfert werden müssen. In einem Punkt sind sich fast alle Diskussionsteilnehmer mittlerweile einig: Es wäre durchaus sinnvoll gewesen, diese Fragen vor der Umstellung zu klären!

Ein Brandbrief an die KMK ? "G 8 wird beendet"

Noch vor Christian Wulff setzte ein anderer Prominenter das Thema ganz oben auf die Tagesordnung. TV-Moderator Reinhold Beckmann schaltete sich in einer bekannten deutschen Tageszeitung in die aktuelle Schuldebatte ein. Die Kinder, meinte (6) der frisch gebackene Träger des Bundesverdienstkreuzes, würden "in diesem Schulsystem bloß auf Verwertbarkeit fürs Berufsleben gezüchtet".

Dahinter steckt eine ungeheuer schlampig gemachte Schulreform. (...) Der immense Schulstoff wird im Unterricht bloß durchgehechelt. Da wird nicht mehr Wissen mit Lebenserfahrung verknüpft, wie es pädagogisch sinnvoll wäre. Fürs Wiederholen und Vertiefen fehlt die Zeit. Die Leidtragenden sind die Kinder. Die kommen täglich völlig k. o. aus der Schule.
Reinhold Beckmann

Wo Beckmann Recht hat, hat selbst Beckmann Recht. Kein Wunder also, dass in den 15 Bundesländern, in denen "G8" auf den Weg gebracht wurde oder schon erste Konsequenzen zeitigt, mit Vehemenz gegen die ungeliebte Reform protestiert wird. Politiker, die darin keinen Anlass sehen, sich programmatisch einzurichten, sind selber schuld.

Hamburgs bald zur Wahl stehender Bürgermeister Ole von Beust (CDU) hat die Zeichen der Zeit jedenfalls ebenso deutlich erkannt wie sein niedersächsischer Amtskollege. Die Freie und Hansestadt habe sich mit dem Saarland schon vor einem Jahr vergeblich für eine Verringerung der Jahreswochenstunden eingesetzt, ließ von Beust mitteilen. Er werde nun höchstpersönlich "einen Brandbrief" an die Kultusministerkonferenz schreiben.

Die SPD hat den Stimmungswandel offenbar schon vorausgeahnt. Im Programm (7) der erfolgreichen hessischen Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti hieß es kurz und knapp:

Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit in der Mittelstufe wird aufgehoben, G 8 wird beendet.
Entwurf des SPD-Regierungsprogramms für die Wahlperiode 2008-2013 des Hessischen Landtags

Menschliche Gymnasien oder gemeinsame Schulen?

Ob die Kultusministerkonferenz in den letzten Jahren überhaupt besetzt war und dort irgendjemand die Umstellung von 13 auf 12 Schuljahre (8 ) beschließen konnte, wird sich unter diesen Umständen wohl nicht mehr eindeutig klären lassen. Vereinzelte Belege existieren freilich noch.

Insgesamt ist das Berufseintrittsalter der jungen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland zu hoch. Deshalb wird die neue saarländische Landesregierung auch an dieser Stelle ein deutliches Signal setzen. Wir wollen als erstes der alten Bundesländer das Gymnasium im Saarland flächendeckend achtjährig ausgestalten.
Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) in seiner Regierungserklärung am 27.10.1999

Die Unionspolitiker haben allerdings längst Besseres zu tun und überbieten sich mit Vorschlägen, wie die Jahrhundertreform schnellstmöglich wieder kassiert werden kann. Doch mit einer Absenkung der Unterrichtsbelastung an Gymnasien wird das Grundproblem kaum zu lösen sein. Die Herstellung von Chancengerechtigkeit kann nicht an der Spitze des Schulsystems beginnen, weil die Kinder aus unterprivilegierten, finanzschwachen und bildungsfernen Familien hier nur in Ausnahmefällen ankommen. Das Deutsche Studentenwerk hat vor wenigen Tagen noch einmal nachdrücklich auf die "soziale Polarisierung" von Bildungschancen hingewiesen (9).

Die soziale Herkunft, insbesondere der Bildungsgrad der Eltern, entscheidet in Deutschland noch immer über den Bildungsweg und darüber, ob jemand studiert oder nicht. Kinder aus Beamtenfamilien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat, haben eine fünfeinhalb Mal so hohe Studierchance wie Kinder aus Arbeiterfamilien. Im Jahr 2005 schafften 83 von 100 Akademiker-Kindern den Sprung an die Hochschule, aber nur 23 von 100 Kindern aus Familien ohne akademische Tradition. Im Jahr 2003 waren es auch 83 Akademiker-Kinder, die ein Studium aufnahmen, aber immerhin 26 Nicht-Akademikerkinder. Die soziale Selektivität des deutschen Hochschulsystems droht sich noch weiter zu verschärfen.
Deutsches Studentenwerk

Die Sozialdemokraten favorisieren vor diesem Hintergrund das Konzept einer "gemeinsamen Schule" (10), die alle Kinder vom 5. bis zum 10. Jahrgang zusammen unterrichten und sie nicht vorzeitig auf verschiedene Schulformen verteilen will. Im Falle eines Wahlsieges in Niedersachsen hätte die Einführung allerdings freiwillig erfolgen sollen.

Wir wissen aber, dass noch viel Überzeugungsarbeit auf dem Weg zur "Gemeinsamen Schule" nötig ist. Diese Überzeugungsarbeit wollen wir leisten. Wir werden deshalb diese neue Schule nicht "von oben" verordnen. Eine so grundlegende Umwandlung der Schullandschaft ist nur in Übereinstimmung mit Eltern, Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern und Kommunen möglich. "Gemeinsame Schulen" werden überall da entstehen, wo Eltern in ausreichender Zahl dies wünschen. Dann muss der Schulträger dem Elternwillen Rechnung tragen.
Regierungsprogramm der SPD Niedersachsen 2008-2013

Muster ohne Wert und die Gefahr des Kommunismus

Nun haben Wahlprogramme nicht unbedingt etwas mit praktischer Politik zu tun ? selbst wenn sie Regierungsprogramme genannt werden. Ob die SPD ihre Vorstellungen, die auch eine deutliche Verbesserung des Ganztagsschulangebots vorsehen, hätten durchsetzen können, bleibt vorerst dahin gestellt. Bis dato bieten bundesweit erst 2000 Schulen einen verlässlichen Ganztagsunterricht für alle Schüler an ? um mehr Lehrer und Betriebspersonal zu beschäftigen und die Infrastruktur deutlich zu verbessern, wären Investitionen von vielen Milliarden Euro nötig, die auch findige Sozialdemokraten nicht einfach herbeizaubern können.

Überdies regt sich gegen die Pläne erbitterter Widerstand. Der Philologenverband Niedersachsen (11) wehrt sich gegen die "von den Bildungsideologen der SPD und Bündnis 90/Die Grünen massiv betriebene Einführung einer Zwangs-Einheitsschule", und die Schüler Union Deutschlands (12) sieht sich durch die unbefriedigende Gesamtsituation sogar veranlasst, ein wenig Klassenkampf zu spielen.

Gerade auch aufgrund der hohen Schulabbrecherzahl und der Gefahr durch die sozialistische Idee der Einheitsschule muss das Thema schnell behandelt werden. Derzeit führen die schwachen Ganztagsschulen mit ihrer hohen Belastung für die Schüler nur den Kommunisten in unserem Land in die Hände.
Schüler Union Deutschlands

Aber vielleicht gibt es mittelfristig doch konsensfähige Zwischenlösungen. Die Landesvorsitzende des niedersächsischen Verbandes Bildung und Erziehung (13), Gitta Franke-Zöllmer, hält es für einen Skandal, dass der historische Schulstrukturkompromiss des Deutschen Bildungsrates aus den 70er Jahren, der die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen und damit die Chancengleichheit abgesichert hatte, "leichtsinnig aufgekündigt" wurde.

Der VBE fordert deshalb eine Rückkehr zur 6jährigen Gymnasialen Mittelstufe, die wieder im Gegensatz zur heute üblichen "Abschulung" den Wechsel zwischen den Schullaufbahnen und eine stressfreie Entwicklung während der Pubertät ermöglicht.
Gitta Franke-Zöllmer

Anschließend darf dann vielleicht gemeinsam darüber nachgedacht werden, ob es einem Schulsystem nicht möglich sein kann oder gar muss, leistungsstarke Schüler und Ausnahmebegabungen zu fördern und Kindern mit Lernschwierigkeiten oder Bildungsrückständen trotzdem und gleichzeitig eine realistische Chance zu geben, ihre Defizite aufzuholen. Dass ein dreigliedriges Schulsystem in seiner jetzigen verschlimmbesserten Form in der Lage ist, diese Aufgaben zu erfüllen, muss nach Lage der Dinge allerdings bezweifelt werden.
Links

(1) http://www.haz.de/newsroom/politik/....edersachsen/art668,402269
(2) http://www.kmk.org
(3) http://www.fu-berlin.de/presse/fup/2008/fup_08_016/index.html
(4) http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/463/156052/
(5) http://www.vbe-nrw.de/content_id/16....5ea6ebcf9ec04242f6b029974
(6) http://www.bild.de/BILD/news/vermis....rfordert,geo=3657814.html
(7) http://www.laenger-gemeinsam-lernen....Hessen_07_regProg_SPD.pdf
(8 ) http://www.kmk.org/doc/publ/Leitfaden.pdf
(9) http://www.studentenwerke.de/presse/2008/300108a.pdf
(10) http://www.spdnds.de/imperia/md/con....regierungsprogrammweb.pdf
(11) http://www.phvn.de
(12) http://www.schueler-union.de
(13) http://www.vbe-nds.de

Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27228/1.html

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